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alles inklusiv ist Sylva Brit Jürgensens privater WebLog  zur inklusiven Schulentwicklung

Chinesische Delegation

Das Leben ist spannend.

Überall auf der Welt machen sich Menschen mit Bewusstheit für die Natur- und Umwelt auf, den leider schon reichlich abgelutschten Begriff der Nachhaltigen Entwicklung mit Leben zu füllen.

So auch in China.

Herr Wang vom Feifeitu Institut der Universität Peking/ Erfurt nahm Kontakt zum Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten auf.  Durch meine Freundin und Kollegin die Vorsitzende Ute Schulte Ostermann erfuhr er auch vom Konzept unserer  NaturSpielpädagogik am Institut für Weiterbildung der FH- Kiel.  Und schon war er begeistert vom Spiel in und mit der Natur als Erwachsenenbildung.  Aus erstem Interesse wurden Ideen, aus Ideen Wirklichkeit.

Und so kam es, dass ich vor zwei Wochen eine chinesische Delegation aus Kita-Leitungen und FrühpädagogInnen im Waldschulheim Glücksburg begrüßen  durfte und am nächsten Tag im Naturerlebnisraum Kollhorst mit Menschen in Resonanz ging, deren Sprache und Schrift mir völlig fremd ist.

Einen Vortrag zu halten mit einer Präsentation, die in chinesischen Schriftzeichen für die Delegation gut zu lesen ist, war für mich eine interessante Erfahrung. Und der praktische Teil unsres Workshops, der draußen im blühenden Garten stattfand, hat mich wieder einmal von den archetypischen Kräften des Spiels überzeugt.

Ich habe schon oft mit mir völlig fremden Menschen gespielt, gehandwerkt, getanzt und gelacht in unseren vielen Seminaren. Aber diesmal war es besonders. Da war die Sprachbarriere- die durch Simultanübersetzungen von Herrn Wang und Li Ping, einer Studentin der NaturSpielpädagogik für Ansagen an die Gruppe zum Glück gut abgepuffert werden konnte- aber von Mensch zu Mensch zu sprechen war ein Erlebnis. Es wirken dann andere „sprachliche“ Parameter wie Körperhaltung, Augenkontakt, Berührungen intensiver. Mit Händen und Füßen gesprochen hatte es dann auch Hand und Fuß.  Nach zwei Tagen verabschiedeten wir uns mit Umarmungen, die fest waren und von gemeinsamen Erfahrungen in der Natur und miteinander zeugten. Das macht Mut – trotz aller Nachrichten in dieser Zeit, in der das Andere, das Fremde mißtrauisch beäugt wird- sich zu besinnen, in Kontakt zu gehen, im Kontakt zu bleiben. Wir haben in der gemeinsamen Zeit festgestellt, dass wir alle die Natur brauchen und dringend etwas für sie tun müssen, damit wir alle eine Zukunft auf diesem Planeten haben.

Die chinesischen PädagogInnen schauten viele Natur- und Waldkindergärten  in Schleswig-Holstein an, besuchten eine Freie Naturschule in Niedersachsen und waren erstaunt und begeistert vom Lernort Natur. Und nun ist es an mir und Ute zu schauen, was für Möglichkeiten für die NaturSpielpädagogik in China liegen. Ute reist in drei Wochen und für mich heißt es im Januar dann Ni Hao!

Fazit der Delegation :

Was gibt es Schöneres, als Kindern unsere Natur in der Natur nahezu bringen, sie spielerisch zu entdecken, damit konkrete Erfahrungen zu machen, darüber Wissen zu erfahren und somit zu lernen, wie wir unsere Welt gestalten wollen und können ?

In Deutschland, in China und Anderswo … ?

Gib´s mir, Johnny!

Im Waldschulheim Glücksburg gibt es einen Wasserspender in Form einer Metallsäule aus gebürstetem Edelstahl. Das ist total praktisch.Er filtert das Flensburger Leitungswasser, kühlt es und wenn man möchte, bekommt man es versprudelt. Wirklich lecker und eine gute Alternative zu hochkalorischen Süßgetränken.

Welche Kinder trinken schon liebend gern Wasser? In meinen früheren Klassen haben mich meine Schüler zunächst angeschaut, als hätte ich verlangt einen Schierlingsbecher zu trinken, wenn ich einen Krug mit Wasser auf den Tisch stellte. Lieber tranken sie zum Frühstück die blauen Limonaden in Wegwerfflaschen, erst als ich eine Verbindung zu Farbe und Geruch mit WC-Reinigern herstellte, war die Motivation etwas gebremst. Und da man in meinem Unterricht immer eine Pause für ein Glas Wasser machen durfte, tranken sie es dann immer öfter.

Ich hatte eben noch keinen Johnny. Mit Johnny lieben die Kinder Wasser. Bei allen Schülerinnen und Schülern steht auf ihrer Packliste ganz oben: 1 Getränkeflasche, mit dieser können sie sich den ganzen Tag über bei uns Wasser oder Sprudel zapfen.Und dass macht Spaß.

Leider geht da so manches nebenbei, der Überlauf der Metallingenieurskunst wird seinem Namen gerecht und es schwimmt am Fuße dann oft, so dass wir viel wischen.

Ich wollte dieses Problem lösen ohne Meckerei einer strengen Heimleitung…

Bei einer meiner ersten Klassenführungen durchs Haus hatte ich dann den Impuls dem Wasserspender einen Namen zu geben und seine Geschichte zu erzählen.

Johnny„Das ist Johnny! Er ist einer unserer stillen Mitarbeiter, die wunderbare Dienste tun. Johnny hat eine große Klappe. Wie man sieht. Er spendet das schönste, leckerste Wasser, was man sich denken kann, aber er hat ein kleines Problem und eigentlich mag er das gar nicht so gern, wenn ich es erzähle.“

ich halte der Stahlsäule dann an beiden Seiten die imaginären Ohren zu und erzähle flüsternd weiter

„Ich erzähle es Euch trotzdem, weil nur ihr ihm helfen könnt. Er sabbert!“

Ich freu mich jede Woche auf diese Stelle der Geschichte, erst sind die Augen der Schüler riesig groß und dann Entsetzen, UääH! Sabbern! Die Gesichter der Lehrkräfte spiegeln von Irritation bis verschwörerischem Schmunzeln alles wieder.

„Ja, er sabbert, jeder hat ja so sein kleines Handicap, oder?“  -Diesen kleinen versteckten inklusiven Input kann ich mir nicht verkneifen… und meistens nicken einige Kinder sehr bewusst an dieser Stelle.-

„Ihr könnt ihm helfen, wenn ihr nämlich die Flasche genau drunter stellt, dann läuft nix daneben! Wisst ihr, Johnny möchte nämlich cool sein,  weil er verknallt ist.“

-Wieder große Augen, wer kennt nicht die Phase in der 3. oder 4. Klasse mit den wunderbaren Zetteln: Willst du mit mir gehen? Ja? Nein? Vielleicht? Kreuze an!- Oft haben zarte Bande auf Klassenfahrten begonnen…-

„Er liebt Jenny!“

JennyIch gebe zu, ich habe sie erst ein paar Monate danach entdeckt als Pendant. Jenny, den Briefkastenschlitz genau gegenüber, durch den die Post in einen Kasten an der Wand in meinem Büro plumpst.

„Ja und sie liebt ihn auch. Sie schaut ihn den ganzen Tag an und sie hat auch eine große Klappe, also passen sie gut zusammen. Und deswegen ist es ihm so peinlich. Könnt ihr ihm helfen?

In der Spielpädagogik nennt man dies die Animationsform der betroffenen Figur, und die Imagination wirkt wirklich emotional.

„Jenny hat immer Hunger. Am liebsten frisst sie Postkarten, sie mag auch Briefe. Aber sie ist krüsch. Magst du alles? Genau! Sie mag es nur, wenn die Adresse stimmt und richtig frankiert ist, sonst spuckt sie mir die Briefe auf den Schreibtisch.“

Was stimmt, weil ich diese Post aussortiere und den Lehrkräften zurückgebe, wär doch schade, wenn die liebevollen Karten und Briefe an die Liebsten zuhause nicht ankommen, ich meine auch ohne Poststreik.

Die Kinder nehmen den sabbernden Johnny und die krüsche Jenny sofort an. Im Laufe der Woche kann ich bei offener Bürotür viele Ansprachen und Dialoge hören.

„Hallo Jenny!“, „Danke, Johnny!“  “ Die ist verknallt in ihn!“ „Echt?, ich bin in …“

Manche Kinder trauen sich gar nicht die Postkarte einzustecken, weil sie Angst haben, dass Jenny zubeißt.

Das ist das magische am Spiel und der Imaginationskraft. Es sind ein aufgemalter Wandbriefkasten und ein Wasserautomat aus gebürstetem Edelstahl. Und doch, sie sind Jenny und Johnny, haben Gesichter. Wem ich von Angesicht zu Angesicht begegnen kann, der ist für mich lebendig.

Entwicklungspsychologisch habe ich genau den Nagel auf den Kopf getroffen, in der 3./4. Klasse ist das magische Denken noch möglich, im höheren Schulklassenalter distanzieren sich die Schüler dann schon wieder von dieser Spielerei. Das ist  dann nicht cool genug. Dort erkläre ich es funktionaler und pragmatischer. Bei Erwachsenen ist es glaube ich eine Entscheidung. Spielt mein inneres Kind noch mit?

Seit einem Twitterprojekt mit Bea Beste und anderen weiß ich, dass das Phänomen Gesichter in Dingen zu sehen Pareidolie heißt und es viele Menschen gibt, die Augen dafür haben, die dingliche Welt als lebendig anzusehen, es macht das Leben spielerischer. Ein Lehrer sagte letztens zu mir: „Das ist cool, das hat was Magisches und  seien wir ehrlich, wir Erwachsenen reden doch auch alle mit unserem Drucker oder unserem Auto: „Komm schon, spring an!!!!“

Letztens war die Belegung gemischt mit vier 3. Klassen und einer 6. Klasse. Damit die 6.-Klässler sich nicht wundern, wenn die 3.-Klässler mit dem Wasserspender reden, habe ich sie mit Zwinkern darüber aufgeklärt, was ich den „Kleinen“ an dieser Stelle der Hausführung erzähle und sie gebeten mitzuspielen.

Irgendwann hörte ich dann durch die Bürotür zwei Jungen aus der sechsten Klasse sehr cool bei Johnny Wasser zapfen mit den Worten: „ Ey, Johnny gib´s mir!“

Aus dem Büro kam ein Kichern und die beiden hörte man schnell die Treppe runterhopsen.

Ich liebe dieses Schullandheim.

Eigentlich ist es kein Grund zur Freude, dass mein Blogtext aus dem März 2013 immer noch so aktuell ist.  Im Gegenteil, die Wirklichkeit zeigt, dass er aktueller denn je ist.  Dennoch habe ich mich gefreut, dass die GEW Schleswig-Holstein sich dieses Themas angenommen hat und ihn leicht verändert abdruckte. Ich hoffe, er erreicht viele Herzen und Köpfe, damit Schule ein sicherer Ort werden kann.

Hier eine pdf des Artikels aus Erziehung& Wissenschaft SH 4/15 zum Download.

Traumatisierte Kinder und Schule

Gestern war ein wundervoller Tag. Gleich früh morgens war ich in Sieverstedt in der inklusiven Grundschule zur Hospitation. Nach der Begrüßung durch die Schulleiterin Frau Krawietz durfte ich gleich in die Lerngruppe der Füchse (jahrgangsübergreifende Lerngruppe Klasse 1-3). Diese teilt sich mit den Bibern (ebenfalls JÜL) zwei Räume, die zugleich als Klassenraum mit Gruppentischen, Spielecke, Sitzkreismöglichkeit und als Mathe oder Deutsch-Fachraum eingerichtet sind. Es ist angenehm strukturiert. Nach der 10- minütigen Ankunftsphase, in der alle Schülerinnen und Schüler sich leise beschäftigen mit Sachen rauskramen, schreiben, einige die Wetterstation ablesen, Spielgeld zählen… werden alle in den Morgenkreis gerufen. Ein Junge hat eine Liste auf dem Schoß. Er begrüßt alle im Morgenkreis und nennt eine der beiden „Hauptregeln“:„Ich behandle alle so, wie ich behandelt werden möchte“. Dann dürfen einige Kinder etwas sagen, sie werden aufgerufen und in der Liste abgekreuzt, so kann niemand in der Woche einfach so durchflutschen oder eben immer dran sein. So einfach ist Gerechtigkeit. Und so ruhig. Eigentlich hätte ich jetzt schon nach Hause gehen können und darüber nachdenken, was hier gerade passiert und was ich in so kurzer Zeit schon wahrnehmen konnte. Ich sah Erstklässler neben Drittklässlern sitzen und sich leise murmelnd helfen. Völlig selbstverständlich. Der aufmerksame Junge, der die Verantwortung für die Liste hatte, sprach zurückhaltend und dennoch sehr ernsthaft. Hier werde ich wirklich gesehen und gehört. Auch das konnte ich erleben. Im Morgenkreis wurde der Redeball weitergegeben und man schaute sich beim Weitergeben in die Augen. An einer Stelle wurde es unruhig. Auf die freundliche Nachfrage der Lehrerin sagte ein Mädchen, dass ihr Nachbar sie gar nicht angesehen hätte. Die Lehrerin meinte, „…sag es ihm direkt“. „Du hast mich gar nicht angesehen, als du mir den Ball gegeben hast“, sagte sie und es schwang ein wenig Traurigkeit mit. Ja, wir möchten gesehen werden, so wie wir sind.
Wie schön, wenn Kinder das üben, was uns als Erwachsenen manchmal so schwer fällt, hinzuschauen und berührt zu werden dadurch, dass wir gesehen werden. Und dann leuchten wir.

Die Wintersonne geht auf, ein Vorhang wird vorgezogen, es bleibt hell im Raum.
Der Morgenkreis löst sich auf. Einige Kinder gehen in den Matheraum und arbeiten dort. Eine Viertklässlerin kommt als Lernhelferin und fragt, wem sie helfen darf. Sie bleibt nicht arbeitslos, aber geduldig und humorvoll. Auch ich setze mich neben ein paar Schülerinnen und werde gleich miteinbezogen. Es geht um Malaufgaben, die Bildern zugeordnet werden sollen. Wir diskutieren miteinander, wo die Aufgaben hingeklebt werden. Ein Mädchen fragt mich, ob ich auch Lehrerin werden möchte. Ich muss lachen. Nein! Warum nicht? Ich bin ja schon Lehrerin seit 20 Jahren. Oh!
Aber ich möchte mir einmal anschauen, wie hier gelernt wird. Ob es ihr Spaß macht so zu lernen? Sie strahlt: „Ja!“ So bedeutet hier, dass die Klassenraumtüren offen sind und man aufstehen darf, wenn man sich eine Aufgabe ausgesucht hat, dass kann eine Wiege- und Messaufgabe im Flur sein oder eine Leseaufgabe auf dem Sofa. Jedes Kind hat ein Studienbuch und weiß in welcher Stufe es sich befindet. Jede Lehrerin auch, das macht es einfacher, wenn man mal in eine andere Gruppe geht. Mathe und Deutsch sind nach Sachstruktur in 9 Stufen eingeteilt, die jedes Kind durchläuft in seinem Tempo, quasi als Basisaufgaben, zur Differenzierung gibt es diverses Forder- und Fördermaterial. Ich bin froh. Wie wunderbar. Genauso habe ich als Förderschullehrerin in meinen eigenen Klassen gearbeitet. Und habe die Vision immer noch so im Team in Guten Schulen arbeiten zu dürfen. Auf dem Flur treffe ich auf eine Kollegin, wir sprechen über das Konzept. Sie sagt, ja, das sei wirklich klasse, doch der wahre Kern sei die Teamarbeit. Die Türen sind ja auch symbolisch offen. Jeder kann sagen, was gut klappt, aber eben auch, wo er Unterstützung benötigt. Und das sei wirklich toll. Ich nicke und gehe wieder zu den Füchsen. Ich weiß aus Erfahrung was ein tolles Team bedeutet und wie es sich anfühlt, wenn es hakt.
Ich schaue noch ein paar Kindern beim selbständigen Arbeiten zu, werde auch ein paar mal zur Hilfe gerufen, es bringt mir Spaß in dieser ruhigen Atmosphäre zu fragen, was sie glauben, wie man die Aufgabe lösen könnte. Die Lehrerinnen sehe ich ebenso an Gruppentischen beraten oder für einige Kinder eine Einführung auf dem Fußboden mit Anschauungsmaterial durchführen Ich bin beeindruckt, wie höflich und wertschätzend die Kinder miteinander umgehen. Und die Lehrkräfte auch. Das ist nicht selbstverständlich, wie ich aus vielen Beratungsgesprächen mit Eltern und Kindern weiß. Eine Lehrerin nimmt sich Zeit für mich und meine Fragen. Bevor ein Kind eine Stufe aufsteigt, wird anhand eines Kompetenzrasters überprüft, ob es die Anforderungen der jetzigen Stufe wirklich bewältigt hat. Es gibt also keine Klassenarbeiten. Auch sonst haben sie weniger Stress, denn die Kinder dürfen sich bewegen, überall im Haus sind Lernstationen. Kein Stillsitzzwang. Stattdessen Lernfreude. Zwei Mädchen kichern und warten bis wir eine Redepause machen. „Dürfen wir uns zusammen Sätze ausdenken und aufschreiben?“ Erwartungsvoll schauen sie die Lehrerin an. „Klar“, sagt sie und dreht sich zu mir um: „Gibt es etwas Schöneres?“ Ich lache und verstehe sie genau. Sie erzählt mir, dass viele Aufgaben der Stufen als Partnerarbeit zu bearbeiten sind. „Wir haben Vertrauen zu den Kindern und erleben immer wieder wie ehrlich sie sind, die nehmen die Klammerkarten ab und geben sie zurück, wenn es falsch war.“ Vertrauen und Wertschätzung, Beziehung. Die Ergebnisse der Hattie-Studie zum gelingenden Unterricht können hier beobachtet werden.
Ich frage nach den anderen Fächern, auch dafür gibt es wieder eine klare Struktur nach dem Block der offenen Lernzeit. Struktur, die Halt gibt und Ruhe. Es ist so unglaublich ruhig. Die Lehrerin sieht mich offen an und sagt, so macht Schule Spaß.
Nach einem weiteren Kreis, in dem wieder einige Kinder berichten können, was sie heute morgen gelernt haben, kommt die Schulleiterin und sieht nach mir. Wir haben ein Gespräch vereinbart. Am liebsten möchte ich noch bleiben. Wir gehen in ihr Büro, ich bin sehr froh, diesen Einblick bekommen zu haben. Und ich freue mich über das tolle Konzept. Sie sagt, es sei ja im Prinzip aus der Förderpädagogik heraus entwickelt worden und bei allem Gelingen und dem Wissen auf dem richtigen Weg zu sein, gäbe es auch immer noch Herausforderungen. Ich bedanke mich für die schöne Erfahrung. Ein Schatz.
Und eine Zufriedenheit, es war immer mein Gedanke gewesen, dass diese Pädagogik des nächsten Schrittes, der Zone der nächsten Entwicklung doch nicht nur für Förderschüler gelten kann als Konstrukt. Meine Vision lebt in Sieverstedt.

Meine Zeit als inklusive Zirkusdirektorin ist vorbei, seit Anfang des neuen Schuljahres arbeite ich mit neuem Elan als pädagogische Leitung eines Schullandheimes und möchte dort meinem Leitmotiv alles inklusiv  weiterhin treu bleiben. Die Veränderungen im Schulsystem schwappen auch an die außerschulischen Lernorte und fordern wie gewohnt  heraus. Ich freue mich auf diese Bewegungen. Ich erlebe sehr engagierte Lehrkräfte, die die Vielfalt in ihrer Klasse als positive Normalität erleben. Und ich tappe in Fettnäpfchen im Umgang mit dem Begriff „Inklusion“. Ich sehe in einer Gruppe einen Schulbegleiter für ein Kind mit Autismus und frage den Lehrer: “ Ah, sie haben eine inklusive Klasse?“  Er schaut versonnen über die Gruppe, guckt mich an und sagt ganz zufrieden : „Nee, wir sind ´ne ganz normale Grundschulklasse!“ – Boing! Das saß, liebe Sonderschullehrerin.

Ja, wenn wir alle drin sind in der Inklusion, in der Verschiedenheit, dann ist das normal. Wie schön!  Dann wird der Begriff vielleicht bald überflüssig und wir können wieder auf das Wesentliche schauen. Auf die Unterstützung von Menschen in ihrer Entwicklung. Auf die Idee, dass Menschen wissen, was sie brauchen, dass sie es äußern, wenn man ihnen Raum und Zeit dafür gibt. Eine Klassenfahrt kann da ein Impulsgeber sein.  Hier kann man seine Klasse und die einzelnen Schüler außerhalb von unterrichtlichen Strukturen in Kontakt mit sich,  den anderen und besonderen Themen erleben. Das schafft neue Verknüpfungen. Für Alle.

Wie gut, dass „Inklusion“ die Diskussionen auf der Fachtagung des Verbandes Deutscher Schullandheime  bestimmen wird. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Der „andere Ort für das Lernen“ verändert sich.

Ist doch normal, oder?

Lesepause inklusive

Bild 1

Man sieht den Einband von Rauls Buch. Es ist ein Foto. Raul sitzt in seinen Rollstuhl draußen vor einer Hauswand. Er hat eine Mütze auf und grüßt freundlich. LInks sieht man den Titel des Buches. Ein Aufkleber weist auf ein Vorwort von Roger Willemsen hin. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Ich habe die 253 Seiten der Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raùl Aguayo-Krauthausen in einem Rutsch durchgelesen. Weil ich mich so mitten drin fühlte, hereingezoomt in Raùls Leben. Wobei das, wenn ich ehrlich bin,  nicht die ganze Wahrheit ist. Ich brauchte Pausen. Zum aus dem Fenster gucken in den Regen, während das Kopfkino lief.

Atempausen.Weil die Beschreibungen, die Raùl für seine Lebenssituationen wählt so realistisch formuliert sind. Ich sehe Raùl und seine Mutter, während sie seine Arme und Beine verbindet, weil aufgrund seiner Glasknochenkrankheit wieder mehrere Knochen gebrochen waren.  Ich ziehe den Atem ein, weil meine Spiegelneuronen schreien und puste aus, wegen der pragmatisch-stoischen Haltung, mit der Raùl und seine Eltern damit umgehen. Die Behinderung ist kein Thema. Sie ist eben!  Raùl ist kleinwüchsig. Raùl konnte nie laufen, doch dies hat er nie vermisst. Er wird getragen oder fährt Rollstuhl. Und? Für ihn ist dieses Sein sein Normalsein. Ich glaube, dass habe ich vorher noch nie so klar sehen können.

Pausen zum Kopfschütteln. Weil Raùl schon vor 30 Jahren in Berlin einen integrativen Kindergarten besuchte. Dann folgte eine integrative Grundschule, das Gymnasium, Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.  Im Buch klingt vieles so selbstverständlich, dass ich mich wundere, warum sich heute in Zeiten von Inklusion noch so viele Bildungseinrichtungen schwertun.

Denkpausen. Weil es oft zufällige Begegnungen waren, die Raùl immer neue Impulse gegeben haben, sich mit seinem Mut auseinanderzusetzen.  Menschen, die auf ihn zukamen, gesehen haben, wie er ist, was in ihm steckt.  Das da die Behinderung kein Thema war, weil er als Individuum im Vordergrund stand. Raùl moderiert im Radio, Raùl tritt auf Fernsehgalas auf. Raùl ist witzig, Raùl ist klug, Raùl hat Ideen. Raùl ist wütend. Raùl ist verzweifelt. Raùl ist selbst-kritisch. Raùl ist authentisch. Raùl ist manchmal selbst verwundert über Raùl.  Ich verstehe die Zweifel, die Frage nach dem Wesen, das zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung wohnt.

Sensible Pausen. Ich denke über seine Aushaltekompetenz nach, die ihn in schwierigen Situationen besonnen handeln lässt. Ich danke ihm für diesen intimen Blick, den er mir erlaubt, wenn er über seine Zweifel, Ängste und Schamgefühle schreibt. Als er erkennt, dass es kein großer Wurf ist bei den Bundesjugendspielen ohne Wettbewerber agieren zu müssen. Wenn in der Pubertät deutlich wird, dass Beziehungen sich ändern, weil die Körperlichkeit sich nach vorn drängt. In dieser Zeit entscheidet Raùl, dass Behinderung für ihn kein Thema ist, mit dem er sich auseinandersetzen will.

Emotionale Pausen. Weil Raùl ein Netzwerk hat. In seinen Eltern, seiner Familie, seinen Freunden. Das trägt ihn durch sein Leben.  Und Networking wird für mich nicht zufällig zu seinem Berufsfeld.  Hier schließt sich für mich ein Kreis. Denn dieser Prozess der Annahme seines So-Seins führt dazu, dass Raùl den Umgang mit Behinderung sehr kreativ genial öffentlich zum Thema macht. Ein Sozialheld.

Must Read!

DabeiSein ist Alles

DabeiSein ist Alles

Inklusion, hmm, miteingeschlossen sein, also nicht mehr ausgeschlossen sein, also DabeiSein. Das konnte man gestern wieder einmal im inklusiven Kinder- und Jugendzirkus  „Circus Claudini“ wahrnehmen.

DabeiSein. Nicht ausgeschlossen Sein. Miteingeschlossen sein.

Inklusiver Zirkus bedeutet immer Herausforderung. Überraschung.

Über sich hinauswachsen.

Dafür war reichlich wieder einmal Gelegenheit. Auf allen Ebenen.

Gestern war Auftrittstag im „Circus Claudini“. Die Weihnachtsaufführung. Vormittags vor der Schulgemeinschaft, nachmittags Eltern, Verwandte und Freunde. Da kommen schon sehr viele Menschen zusammen. Unsere 30 Artisten fieberten diesem Tag entgegen. Die Hauptrollen probten in den letzten Wochen in jeder große Pause zusätzlich.

Das Team war durch biographische Ereignisse erst seit den Herbstferien auf neue Trainerfüße gestellt und diese wurden nach softem Einstieg gleich in die heiße Phase des Auftritts katapultiert. Soweit alles gut, trotz vieler Fragezeichen, die es auszuhalten gab. Die Nummern standen. Die Kostüme waren herausgesucht, beschriftet, Körbe gepackt. Es fehlten noch 2  Seiten To-do-Listen Kleinigkeiten, die den letzten Schliff geben.  Da passierte es.

Eine der beiden Zirkusdirektorinnen wurde sehr plötzlich ins Krankenhaus eingewiesen. Hing am Tropf. War eingeschlossen. Aber ganz woanders.

Was nun? Das Team war brandneu. Die andere Leitungskollegin machte erst seit Sommer mit und hatte eine Zirkusveranstaltung noch nie durchgeführt, doch sie verfügte glücklicherweise über reichlich Erfahrung aus anderen Bereichen kultureller Bildung.

30 Artisten und ihren Familien absagen? Den Weihnachtsauftritt verschieben?

Den auf dem Schulhof hüpfenden Kindern „Ich komm zum Zirkus, ich komm zum Zirkus!“ sagen, dass es ausfällt?

Kommt gar nicht in Frage! The Show must go on!

Danke an die Kollegin für diesen Mut der Entscheidung! Chapeau!

Nun ging alles ganz schnell. Das neue Team wurde spontan unterstützt von alten Trainerhasen, die sich für diesen Notfall freigenommen hatten. Damit die Artisten Sicherheit haben. Damit die gefühlten 1000 Kleinigkeiten der To-do-Listen auch bearbeitet werden konnten.

Absprechen, sich einspielen, auf einander hören, einander vertrauen war jetzt mehr denn je angesagt. Und hepp! Herausforderung! Im Team!

Uuuuund ?

Alles lief wunderbar. Alle waren sehr präsent und glühten. Das Publikum dankte mit tollem Applaus. Es war ein wundervoller Tag. Hepp!

Bild 2

Sechs Artistinnen zeigen als Engel verkleidet eine Akrobatikübung. Drei Engel stehen hinten wie ein Fächer. Der mittlere Engel hält die beiden anderen an den Händen, die sich seitlich fallen lassen. Die vorderen Engel machen alle eine Brücke. Sie sind weiß gekleidet und werden vom Scheinwerferlicht pink angestrahlt. Im Hintergrund sieht man den Weihnachtsmann.

Und Alles Inklusiv: Die kranke Zirkusdirektorin durfte den traditionellen Mutspruch vor dem Auftritt per Telefon zu den Artisten sprechen. Das hat sehr berührt. DabeiSein. Nicht ausgeschlossen sein, weil man krank ist. Nicht rausgefallen sein aus dem System, weil man plötzlich nicht mehr funktioniert. Getragen werden und in Kontakt sein mit der Gemeinschaft.

Das ist es doch, der Pufferfaktor „Soziale Unterstützung“, der gesund erhält und gesund macht, auch wenn man „krank“ bleibt.

Zirkus bietet Gemeinschaft. In der Gruppe und im Team, in der gegenseitigen Wertschätzung kann Zirkus seine Schönheit in der Mitmenschlichkeit entfalten.

Das kommt an. Beim Publikum. Im Herzen.

DabeiSein ist Alles.

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