Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for Januar 2014

Bild 1

Man sieht den Einband von Rauls Buch. Es ist ein Foto. Raul sitzt in seinen Rollstuhl draußen vor einer Hauswand. Er hat eine Mütze auf und grüßt freundlich. LInks sieht man den Titel des Buches. Ein Aufkleber weist auf ein Vorwort von Roger Willemsen hin. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Ich habe die 253 Seiten der Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raùl Aguayo-Krauthausen in einem Rutsch durchgelesen. Weil ich mich so mitten drin fühlte, hereingezoomt in Raùls Leben. Wobei das, wenn ich ehrlich bin,  nicht die ganze Wahrheit ist. Ich brauchte Pausen. Zum aus dem Fenster gucken in den Regen, während das Kopfkino lief.

Atempausen.Weil die Beschreibungen, die Raùl für seine Lebenssituationen wählt so realistisch formuliert sind. Ich sehe Raùl und seine Mutter, während sie seine Arme und Beine verbindet, weil aufgrund seiner Glasknochenkrankheit wieder mehrere Knochen gebrochen waren.  Ich ziehe den Atem ein, weil meine Spiegelneuronen schreien und puste aus, wegen der pragmatisch-stoischen Haltung, mit der Raùl und seine Eltern damit umgehen. Die Behinderung ist kein Thema. Sie ist eben!  Raùl ist kleinwüchsig. Raùl konnte nie laufen, doch dies hat er nie vermisst. Er wird getragen oder fährt Rollstuhl. Und? Für ihn ist dieses Sein sein Normalsein. Ich glaube, dass habe ich vorher noch nie so klar sehen können.

Pausen zum Kopfschütteln. Weil Raùl schon vor 30 Jahren in Berlin einen integrativen Kindergarten besuchte. Dann folgte eine integrative Grundschule, das Gymnasium, Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.  Im Buch klingt vieles so selbstverständlich, dass ich mich wundere, warum sich heute in Zeiten von Inklusion noch so viele Bildungseinrichtungen schwertun.

Denkpausen. Weil es oft zufällige Begegnungen waren, die Raùl immer neue Impulse gegeben haben, sich mit seinem Mut auseinanderzusetzen.  Menschen, die auf ihn zukamen, gesehen haben, wie er ist, was in ihm steckt.  Das da die Behinderung kein Thema war, weil er als Individuum im Vordergrund stand. Raùl moderiert im Radio, Raùl tritt auf Fernsehgalas auf. Raùl ist witzig, Raùl ist klug, Raùl hat Ideen. Raùl ist wütend. Raùl ist verzweifelt. Raùl ist selbst-kritisch. Raùl ist authentisch. Raùl ist manchmal selbst verwundert über Raùl.  Ich verstehe die Zweifel, die Frage nach dem Wesen, das zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung wohnt.

Sensible Pausen. Ich denke über seine Aushaltekompetenz nach, die ihn in schwierigen Situationen besonnen handeln lässt. Ich danke ihm für diesen intimen Blick, den er mir erlaubt, wenn er über seine Zweifel, Ängste und Schamgefühle schreibt. Als er erkennt, dass es kein großer Wurf ist bei den Bundesjugendspielen ohne Wettbewerber agieren zu müssen. Wenn in der Pubertät deutlich wird, dass Beziehungen sich ändern, weil die Körperlichkeit sich nach vorn drängt. In dieser Zeit entscheidet Raùl, dass Behinderung für ihn kein Thema ist, mit dem er sich auseinandersetzen will.

Emotionale Pausen. Weil Raùl ein Netzwerk hat. In seinen Eltern, seiner Familie, seinen Freunden. Das trägt ihn durch sein Leben.  Und Networking wird für mich nicht zufällig zu seinem Berufsfeld.  Hier schließt sich für mich ein Kreis. Denn dieser Prozess der Annahme seines So-Seins führt dazu, dass Raùl den Umgang mit Behinderung sehr kreativ genial öffentlich zum Thema macht. Ein Sozialheld.

Must Read!

Advertisements

Read Full Post »