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Archive for Januar 2015

Gestern war ein wundervoller Tag. Gleich früh morgens war ich in Sieverstedt in der inklusiven Grundschule zur Hospitation. Nach der Begrüßung durch die Schulleiterin Frau Krawietz durfte ich gleich in die Lerngruppe der Füchse (jahrgangsübergreifende Lerngruppe Klasse 1-3). Diese teilt sich mit den Bibern (ebenfalls JÜL) zwei Räume, die zugleich als Klassenraum mit Gruppentischen, Spielecke, Sitzkreismöglichkeit und als Mathe oder Deutsch-Fachraum eingerichtet sind. Es ist angenehm strukturiert. Nach der 10- minütigen Ankunftsphase, in der alle Schülerinnen und Schüler sich leise beschäftigen mit Sachen rauskramen, schreiben, einige die Wetterstation ablesen, Spielgeld zählen… werden alle in den Morgenkreis gerufen. Ein Junge hat eine Liste auf dem Schoß. Er begrüßt alle im Morgenkreis und nennt eine der beiden „Hauptregeln“:„Ich behandle alle so, wie ich behandelt werden möchte“. Dann dürfen einige Kinder etwas sagen, sie werden aufgerufen und in der Liste abgekreuzt, so kann niemand in der Woche einfach so durchflutschen oder eben immer dran sein. So einfach ist Gerechtigkeit. Und so ruhig. Eigentlich hätte ich jetzt schon nach Hause gehen können und darüber nachdenken, was hier gerade passiert und was ich in so kurzer Zeit schon wahrnehmen konnte. Ich sah Erstklässler neben Drittklässlern sitzen und sich leise murmelnd helfen. Völlig selbstverständlich. Der aufmerksame Junge, der die Verantwortung für die Liste hatte, sprach zurückhaltend und dennoch sehr ernsthaft. Hier werde ich wirklich gesehen und gehört. Auch das konnte ich erleben. Im Morgenkreis wurde der Redeball weitergegeben und man schaute sich beim Weitergeben in die Augen. An einer Stelle wurde es unruhig. Auf die freundliche Nachfrage der Lehrerin sagte ein Mädchen, dass ihr Nachbar sie gar nicht angesehen hätte. Die Lehrerin meinte, „…sag es ihm direkt“. „Du hast mich gar nicht angesehen, als du mir den Ball gegeben hast“, sagte sie und es schwang ein wenig Traurigkeit mit. Ja, wir möchten gesehen werden, so wie wir sind.
Wie schön, wenn Kinder das üben, was uns als Erwachsenen manchmal so schwer fällt, hinzuschauen und berührt zu werden dadurch, dass wir gesehen werden. Und dann leuchten wir.

Die Wintersonne geht auf, ein Vorhang wird vorgezogen, es bleibt hell im Raum.
Der Morgenkreis löst sich auf. Einige Kinder gehen in den Matheraum und arbeiten dort. Eine Viertklässlerin kommt als Lernhelferin und fragt, wem sie helfen darf. Sie bleibt nicht arbeitslos, aber geduldig und humorvoll. Auch ich setze mich neben ein paar Schülerinnen und werde gleich miteinbezogen. Es geht um Malaufgaben, die Bildern zugeordnet werden sollen. Wir diskutieren miteinander, wo die Aufgaben hingeklebt werden. Ein Mädchen fragt mich, ob ich auch Lehrerin werden möchte. Ich muss lachen. Nein! Warum nicht? Ich bin ja schon Lehrerin seit 20 Jahren. Oh!
Aber ich möchte mir einmal anschauen, wie hier gelernt wird. Ob es ihr Spaß macht so zu lernen? Sie strahlt: „Ja!“ So bedeutet hier, dass die Klassenraumtüren offen sind und man aufstehen darf, wenn man sich eine Aufgabe ausgesucht hat, dass kann eine Wiege- und Messaufgabe im Flur sein oder eine Leseaufgabe auf dem Sofa. Jedes Kind hat ein Studienbuch und weiß in welcher Stufe es sich befindet. Jede Lehrerin auch, das macht es einfacher, wenn man mal in eine andere Gruppe geht. Mathe und Deutsch sind nach Sachstruktur in 9 Stufen eingeteilt, die jedes Kind durchläuft in seinem Tempo, quasi als Basisaufgaben, zur Differenzierung gibt es diverses Forder- und Fördermaterial. Ich bin froh. Wie wunderbar. Genauso habe ich als Förderschullehrerin in meinen eigenen Klassen gearbeitet. Und habe die Vision immer noch so im Team in Guten Schulen arbeiten zu dürfen. Auf dem Flur treffe ich auf eine Kollegin, wir sprechen über das Konzept. Sie sagt, ja, das sei wirklich klasse, doch der wahre Kern sei die Teamarbeit. Die Türen sind ja auch symbolisch offen. Jeder kann sagen, was gut klappt, aber eben auch, wo er Unterstützung benötigt. Und das sei wirklich toll. Ich nicke und gehe wieder zu den Füchsen. Ich weiß aus Erfahrung was ein tolles Team bedeutet und wie es sich anfühlt, wenn es hakt.
Ich schaue noch ein paar Kindern beim selbständigen Arbeiten zu, werde auch ein paar mal zur Hilfe gerufen, es bringt mir Spaß in dieser ruhigen Atmosphäre zu fragen, was sie glauben, wie man die Aufgabe lösen könnte. Die Lehrerinnen sehe ich ebenso an Gruppentischen beraten oder für einige Kinder eine Einführung auf dem Fußboden mit Anschauungsmaterial durchführen Ich bin beeindruckt, wie höflich und wertschätzend die Kinder miteinander umgehen. Und die Lehrkräfte auch. Das ist nicht selbstverständlich, wie ich aus vielen Beratungsgesprächen mit Eltern und Kindern weiß. Eine Lehrerin nimmt sich Zeit für mich und meine Fragen. Bevor ein Kind eine Stufe aufsteigt, wird anhand eines Kompetenzrasters überprüft, ob es die Anforderungen der jetzigen Stufe wirklich bewältigt hat. Es gibt also keine Klassenarbeiten. Auch sonst haben sie weniger Stress, denn die Kinder dürfen sich bewegen, überall im Haus sind Lernstationen. Kein Stillsitzzwang. Stattdessen Lernfreude. Zwei Mädchen kichern und warten bis wir eine Redepause machen. „Dürfen wir uns zusammen Sätze ausdenken und aufschreiben?“ Erwartungsvoll schauen sie die Lehrerin an. „Klar“, sagt sie und dreht sich zu mir um: „Gibt es etwas Schöneres?“ Ich lache und verstehe sie genau. Sie erzählt mir, dass viele Aufgaben der Stufen als Partnerarbeit zu bearbeiten sind. „Wir haben Vertrauen zu den Kindern und erleben immer wieder wie ehrlich sie sind, die nehmen die Klammerkarten ab und geben sie zurück, wenn es falsch war.“ Vertrauen und Wertschätzung, Beziehung. Die Ergebnisse der Hattie-Studie zum gelingenden Unterricht können hier beobachtet werden.
Ich frage nach den anderen Fächern, auch dafür gibt es wieder eine klare Struktur nach dem Block der offenen Lernzeit. Struktur, die Halt gibt und Ruhe. Es ist so unglaublich ruhig. Die Lehrerin sieht mich offen an und sagt, so macht Schule Spaß.
Nach einem weiteren Kreis, in dem wieder einige Kinder berichten können, was sie heute morgen gelernt haben, kommt die Schulleiterin und sieht nach mir. Wir haben ein Gespräch vereinbart. Am liebsten möchte ich noch bleiben. Wir gehen in ihr Büro, ich bin sehr froh, diesen Einblick bekommen zu haben. Und ich freue mich über das tolle Konzept. Sie sagt, es sei ja im Prinzip aus der Förderpädagogik heraus entwickelt worden und bei allem Gelingen und dem Wissen auf dem richtigen Weg zu sein, gäbe es auch immer noch Herausforderungen. Ich bedanke mich für die schöne Erfahrung. Ein Schatz.
Und eine Zufriedenheit, es war immer mein Gedanke gewesen, dass diese Pädagogik des nächsten Schrittes, der Zone der nächsten Entwicklung doch nicht nur für Förderschüler gelten kann als Konstrukt. Meine Vision lebt in Sieverstedt.

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