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Posts Tagged ‘Inklusion’

Im Waldschulheim Glücksburg gibt es einen Wasserspender in Form einer Metallsäule aus gebürstetem Edelstahl. Das ist total praktisch.Er filtert das Flensburger Leitungswasser, kühlt es und wenn man möchte, bekommt man es versprudelt. Wirklich lecker und eine gute Alternative zu hochkalorischen Süßgetränken.

Welche Kinder trinken schon liebend gern Wasser? In meinen früheren Klassen haben mich meine Schüler zunächst angeschaut, als hätte ich verlangt einen Schierlingsbecher zu trinken, wenn ich einen Krug mit Wasser auf den Tisch stellte. Lieber tranken sie zum Frühstück die blauen Limonaden in Wegwerfflaschen, erst als ich eine Verbindung zu Farbe und Geruch mit WC-Reinigern herstellte, war die Motivation etwas gebremst. Und da man in meinem Unterricht immer eine Pause für ein Glas Wasser machen durfte, tranken sie es dann immer öfter.

Ich hatte eben noch keinen Johnny. Mit Johnny lieben die Kinder Wasser. Bei allen Schülerinnen und Schülern steht auf ihrer Packliste ganz oben: 1 Getränkeflasche, mit dieser können sie sich den ganzen Tag über bei uns Wasser oder Sprudel zapfen.Und dass macht Spaß.

Leider geht da so manches nebenbei, der Überlauf der Metallingenieurskunst wird seinem Namen gerecht und es schwimmt am Fuße dann oft, so dass wir viel wischen.

Ich wollte dieses Problem lösen ohne Meckerei einer strengen Heimleitung…

Bei einer meiner ersten Klassenführungen durchs Haus hatte ich dann den Impuls dem Wasserspender einen Namen zu geben und seine Geschichte zu erzählen.

Johnny„Das ist Johnny! Er ist einer unserer stillen Mitarbeiter, die wunderbare Dienste tun. Johnny hat eine große Klappe. Wie man sieht. Er spendet das schönste, leckerste Wasser, was man sich denken kann, aber er hat ein kleines Problem und eigentlich mag er das gar nicht so gern, wenn ich es erzähle.“

ich halte der Stahlsäule dann an beiden Seiten die imaginären Ohren zu und erzähle flüsternd weiter

„Ich erzähle es Euch trotzdem, weil nur ihr ihm helfen könnt. Er sabbert!“

Ich freu mich jede Woche auf diese Stelle der Geschichte, erst sind die Augen der Schüler riesig groß und dann Entsetzen, UääH! Sabbern! Die Gesichter der Lehrkräfte spiegeln von Irritation bis verschwörerischem Schmunzeln alles wieder.

„Ja, er sabbert, jeder hat ja so sein kleines Handicap, oder?“  -Diesen kleinen versteckten inklusiven Input kann ich mir nicht verkneifen… und meistens nicken einige Kinder sehr bewusst an dieser Stelle.-

„Ihr könnt ihm helfen, wenn ihr nämlich die Flasche genau drunter stellt, dann läuft nix daneben! Wisst ihr, Johnny möchte nämlich cool sein,  weil er verknallt ist.“

-Wieder große Augen, wer kennt nicht die Phase in der 3. oder 4. Klasse mit den wunderbaren Zetteln: Willst du mit mir gehen? Ja? Nein? Vielleicht? Kreuze an!- Oft haben zarte Bande auf Klassenfahrten begonnen…-

„Er liebt Jenny!“

JennyIch gebe zu, ich habe sie erst ein paar Monate danach entdeckt als Pendant. Jenny, den Briefkastenschlitz genau gegenüber, durch den die Post in einen Kasten an der Wand in meinem Büro plumpst.

„Ja und sie liebt ihn auch. Sie schaut ihn den ganzen Tag an und sie hat auch eine große Klappe, also passen sie gut zusammen. Und deswegen ist es ihm so peinlich. Könnt ihr ihm helfen?

In der Spielpädagogik nennt man dies die Animationsform der betroffenen Figur, und die Imagination wirkt wirklich emotional.

„Jenny hat immer Hunger. Am liebsten frisst sie Postkarten, sie mag auch Briefe. Aber sie ist krüsch. Magst du alles? Genau! Sie mag es nur, wenn die Adresse stimmt und richtig frankiert ist, sonst spuckt sie mir die Briefe auf den Schreibtisch.“

Was stimmt, weil ich diese Post aussortiere und den Lehrkräften zurückgebe, wär doch schade, wenn die liebevollen Karten und Briefe an die Liebsten zuhause nicht ankommen, ich meine auch ohne Poststreik.

Die Kinder nehmen den sabbernden Johnny und die krüsche Jenny sofort an. Im Laufe der Woche kann ich bei offener Bürotür viele Ansprachen und Dialoge hören.

„Hallo Jenny!“, „Danke, Johnny!“  “ Die ist verknallt in ihn!“ „Echt?, ich bin in …“

Manche Kinder trauen sich gar nicht die Postkarte einzustecken, weil sie Angst haben, dass Jenny zubeißt.

Das ist das magische am Spiel und der Imaginationskraft. Es sind ein aufgemalter Wandbriefkasten und ein Wasserautomat aus gebürstetem Edelstahl. Und doch, sie sind Jenny und Johnny, haben Gesichter. Wem ich von Angesicht zu Angesicht begegnen kann, der ist für mich lebendig.

Entwicklungspsychologisch habe ich genau den Nagel auf den Kopf getroffen, in der 3./4. Klasse ist das magische Denken noch möglich, im höheren Schulklassenalter distanzieren sich die Schüler dann schon wieder von dieser Spielerei. Das ist  dann nicht cool genug. Dort erkläre ich es funktionaler und pragmatischer. Bei Erwachsenen ist es glaube ich eine Entscheidung. Spielt mein inneres Kind noch mit?

Seit einem Twitterprojekt mit Bea Beste und anderen weiß ich, dass das Phänomen Gesichter in Dingen zu sehen Pareidolie heißt und es viele Menschen gibt, die Augen dafür haben, die dingliche Welt als lebendig anzusehen, es macht das Leben spielerischer. Ein Lehrer sagte letztens zu mir: „Das ist cool, das hat was Magisches und  seien wir ehrlich, wir Erwachsenen reden doch auch alle mit unserem Drucker oder unserem Auto: „Komm schon, spring an!!!!“

Letztens war die Belegung gemischt mit vier 3. Klassen und einer 6. Klasse. Damit die 6.-Klässler sich nicht wundern, wenn die 3.-Klässler mit dem Wasserspender reden, habe ich sie mit Zwinkern darüber aufgeklärt, was ich den „Kleinen“ an dieser Stelle der Hausführung erzähle und sie gebeten mitzuspielen.

Irgendwann hörte ich dann durch die Bürotür zwei Jungen aus der sechsten Klasse sehr cool bei Johnny Wasser zapfen mit den Worten: „ Ey, Johnny gib´s mir!“

Aus dem Büro kam ein Kichern und die beiden hörte man schnell die Treppe runterhopsen.

Ich liebe dieses Schullandheim.

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Eigentlich ist es kein Grund zur Freude, dass mein Blogtext aus dem März 2013 immer noch so aktuell ist.  Im Gegenteil, die Wirklichkeit zeigt, dass er aktueller denn je ist.  Dennoch habe ich mich gefreut, dass die GEW Schleswig-Holstein sich dieses Themas angenommen hat und ihn leicht verändert abdruckte. Ich hoffe, er erreicht viele Herzen und Köpfe, damit Schule ein sicherer Ort werden kann.

Hier eine pdf des Artikels aus Erziehung& Wissenschaft SH 4/15 zum Download.

Traumatisierte Kinder und Schule

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Meine Zeit als inklusive Zirkusdirektorin ist vorbei, seit Anfang des neuen Schuljahres arbeite ich mit neuem Elan als pädagogische Leitung eines Schullandheimes und möchte dort meinem Leitmotiv alles inklusiv  weiterhin treu bleiben. Die Veränderungen im Schulsystem schwappen auch an die außerschulischen Lernorte und fordern wie gewohnt  heraus. Ich freue mich auf diese Bewegungen. Ich erlebe sehr engagierte Lehrkräfte, die die Vielfalt in ihrer Klasse als positive Normalität erleben. Und ich tappe in Fettnäpfchen im Umgang mit dem Begriff „Inklusion“. Ich sehe in einer Gruppe einen Schulbegleiter für ein Kind mit Autismus und frage den Lehrer: “ Ah, sie haben eine inklusive Klasse?“  Er schaut versonnen über die Gruppe, guckt mich an und sagt ganz zufrieden : „Nee, wir sind ´ne ganz normale Grundschulklasse!“ – Boing! Das saß, liebe Sonderschullehrerin.

Ja, wenn wir alle drin sind in der Inklusion, in der Verschiedenheit, dann ist das normal. Wie schön!  Dann wird der Begriff vielleicht bald überflüssig und wir können wieder auf das Wesentliche schauen. Auf die Unterstützung von Menschen in ihrer Entwicklung. Auf die Idee, dass Menschen wissen, was sie brauchen, dass sie es äußern, wenn man ihnen Raum und Zeit dafür gibt. Eine Klassenfahrt kann da ein Impulsgeber sein.  Hier kann man seine Klasse und die einzelnen Schüler außerhalb von unterrichtlichen Strukturen in Kontakt mit sich,  den anderen und besonderen Themen erleben. Das schafft neue Verknüpfungen. Für Alle.

Wie gut, dass „Inklusion“ die Diskussionen auf der Fachtagung des Verbandes Deutscher Schullandheime  bestimmen wird. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Der „andere Ort für das Lernen“ verändert sich.

Ist doch normal, oder?

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Man sieht den Einband von Rauls Buch. Es ist ein Foto. Raul sitzt in seinen Rollstuhl draußen vor einer Hauswand. Er hat eine Mütze auf und grüßt freundlich. LInks sieht man den Titel des Buches. Ein Aufkleber weist auf ein Vorwort von Roger Willemsen hin. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Ich habe die 253 Seiten der Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raùl Aguayo-Krauthausen in einem Rutsch durchgelesen. Weil ich mich so mitten drin fühlte, hereingezoomt in Raùls Leben. Wobei das, wenn ich ehrlich bin,  nicht die ganze Wahrheit ist. Ich brauchte Pausen. Zum aus dem Fenster gucken in den Regen, während das Kopfkino lief.

Atempausen.Weil die Beschreibungen, die Raùl für seine Lebenssituationen wählt so realistisch formuliert sind. Ich sehe Raùl und seine Mutter, während sie seine Arme und Beine verbindet, weil aufgrund seiner Glasknochenkrankheit wieder mehrere Knochen gebrochen waren.  Ich ziehe den Atem ein, weil meine Spiegelneuronen schreien und puste aus, wegen der pragmatisch-stoischen Haltung, mit der Raùl und seine Eltern damit umgehen. Die Behinderung ist kein Thema. Sie ist eben!  Raùl ist kleinwüchsig. Raùl konnte nie laufen, doch dies hat er nie vermisst. Er wird getragen oder fährt Rollstuhl. Und? Für ihn ist dieses Sein sein Normalsein. Ich glaube, dass habe ich vorher noch nie so klar sehen können.

Pausen zum Kopfschütteln. Weil Raùl schon vor 30 Jahren in Berlin einen integrativen Kindergarten besuchte. Dann folgte eine integrative Grundschule, das Gymnasium, Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.  Im Buch klingt vieles so selbstverständlich, dass ich mich wundere, warum sich heute in Zeiten von Inklusion noch so viele Bildungseinrichtungen schwertun.

Denkpausen. Weil es oft zufällige Begegnungen waren, die Raùl immer neue Impulse gegeben haben, sich mit seinem Mut auseinanderzusetzen.  Menschen, die auf ihn zukamen, gesehen haben, wie er ist, was in ihm steckt.  Das da die Behinderung kein Thema war, weil er als Individuum im Vordergrund stand. Raùl moderiert im Radio, Raùl tritt auf Fernsehgalas auf. Raùl ist witzig, Raùl ist klug, Raùl hat Ideen. Raùl ist wütend. Raùl ist verzweifelt. Raùl ist selbst-kritisch. Raùl ist authentisch. Raùl ist manchmal selbst verwundert über Raùl.  Ich verstehe die Zweifel, die Frage nach dem Wesen, das zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung wohnt.

Sensible Pausen. Ich denke über seine Aushaltekompetenz nach, die ihn in schwierigen Situationen besonnen handeln lässt. Ich danke ihm für diesen intimen Blick, den er mir erlaubt, wenn er über seine Zweifel, Ängste und Schamgefühle schreibt. Als er erkennt, dass es kein großer Wurf ist bei den Bundesjugendspielen ohne Wettbewerber agieren zu müssen. Wenn in der Pubertät deutlich wird, dass Beziehungen sich ändern, weil die Körperlichkeit sich nach vorn drängt. In dieser Zeit entscheidet Raùl, dass Behinderung für ihn kein Thema ist, mit dem er sich auseinandersetzen will.

Emotionale Pausen. Weil Raùl ein Netzwerk hat. In seinen Eltern, seiner Familie, seinen Freunden. Das trägt ihn durch sein Leben.  Und Networking wird für mich nicht zufällig zu seinem Berufsfeld.  Hier schließt sich für mich ein Kreis. Denn dieser Prozess der Annahme seines So-Seins führt dazu, dass Raùl den Umgang mit Behinderung sehr kreativ genial öffentlich zum Thema macht. Ein Sozialheld.

Must Read!

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DabeiSein ist Alles

Inklusion, hmm, miteingeschlossen sein, also nicht mehr ausgeschlossen sein, also DabeiSein. Das konnte man gestern wieder einmal im inklusiven Kinder- und Jugendzirkus  „Circus Claudini“ wahrnehmen.

DabeiSein. Nicht ausgeschlossen Sein. Miteingeschlossen sein.

Inklusiver Zirkus bedeutet immer Herausforderung. Überraschung.

Über sich hinauswachsen.

Dafür war reichlich wieder einmal Gelegenheit. Auf allen Ebenen.

Gestern war Auftrittstag im „Circus Claudini“. Die Weihnachtsaufführung. Vormittags vor der Schulgemeinschaft, nachmittags Eltern, Verwandte und Freunde. Da kommen schon sehr viele Menschen zusammen. Unsere 30 Artisten fieberten diesem Tag entgegen. Die Hauptrollen probten in den letzten Wochen in jeder große Pause zusätzlich.

Das Team war durch biographische Ereignisse erst seit den Herbstferien auf neue Trainerfüße gestellt und diese wurden nach softem Einstieg gleich in die heiße Phase des Auftritts katapultiert. Soweit alles gut, trotz vieler Fragezeichen, die es auszuhalten gab. Die Nummern standen. Die Kostüme waren herausgesucht, beschriftet, Körbe gepackt. Es fehlten noch 2  Seiten To-do-Listen Kleinigkeiten, die den letzten Schliff geben.  Da passierte es.

Eine der beiden Zirkusdirektorinnen wurde sehr plötzlich ins Krankenhaus eingewiesen. Hing am Tropf. War eingeschlossen. Aber ganz woanders.

Was nun? Das Team war brandneu. Die andere Leitungskollegin machte erst seit Sommer mit und hatte eine Zirkusveranstaltung noch nie durchgeführt, doch sie verfügte glücklicherweise über reichlich Erfahrung aus anderen Bereichen kultureller Bildung.

30 Artisten und ihren Familien absagen? Den Weihnachtsauftritt verschieben?

Den auf dem Schulhof hüpfenden Kindern „Ich komm zum Zirkus, ich komm zum Zirkus!“ sagen, dass es ausfällt?

Kommt gar nicht in Frage! The Show must go on!

Danke an die Kollegin für diesen Mut der Entscheidung! Chapeau!

Nun ging alles ganz schnell. Das neue Team wurde spontan unterstützt von alten Trainerhasen, die sich für diesen Notfall freigenommen hatten. Damit die Artisten Sicherheit haben. Damit die gefühlten 1000 Kleinigkeiten der To-do-Listen auch bearbeitet werden konnten.

Absprechen, sich einspielen, auf einander hören, einander vertrauen war jetzt mehr denn je angesagt. Und hepp! Herausforderung! Im Team!

Uuuuund ?

Alles lief wunderbar. Alle waren sehr präsent und glühten. Das Publikum dankte mit tollem Applaus. Es war ein wundervoller Tag. Hepp!

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Sechs Artistinnen zeigen als Engel verkleidet eine Akrobatikübung. Drei Engel stehen hinten wie ein Fächer. Der mittlere Engel hält die beiden anderen an den Händen, die sich seitlich fallen lassen. Die vorderen Engel machen alle eine Brücke. Sie sind weiß gekleidet und werden vom Scheinwerferlicht pink angestrahlt. Im Hintergrund sieht man den Weihnachtsmann.

Und Alles Inklusiv: Die kranke Zirkusdirektorin durfte den traditionellen Mutspruch vor dem Auftritt per Telefon zu den Artisten sprechen. Das hat sehr berührt. DabeiSein. Nicht ausgeschlossen sein, weil man krank ist. Nicht rausgefallen sein aus dem System, weil man plötzlich nicht mehr funktioniert. Getragen werden und in Kontakt sein mit der Gemeinschaft.

Das ist es doch, der Pufferfaktor „Soziale Unterstützung“, der gesund erhält und gesund macht, auch wenn man „krank“ bleibt.

Zirkus bietet Gemeinschaft. In der Gruppe und im Team, in der gegenseitigen Wertschätzung kann Zirkus seine Schönheit in der Mitmenschlichkeit entfalten.

Das kommt an. Beim Publikum. Im Herzen.

DabeiSein ist Alles.

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„Hallo?“

„Ja?“

„Ist das Ihr Schlüssel?“

„Nein.“

„Ach, schade!“

„Wieso?“

„Ich dachte schon, sie könnten mir die Inklusion aufschließen.“

Ja, ich hab noch Lust auf Inklusion. Aber irgendwie gibt sie mir Rätsel auf. Also, damit meine ich die schulische Inklusionsbewegung. Bevor sie da war, hatte ich ein anderes Bild von ihr. Ich stellte sie mir als etwas vor, was irgendwie mehr mit den bunten Pünktchen in diesem Kreis zu tun hat. Der Kreis sieht so verdammt fröhlich aus. Vielleicht hab ich nicht genau hingesehen. Ich lebe Inklusion ja nicht in der Vogelperspektive, sondern stecke mittendrin.

Wenn ich mich hier so umschaue zwischen den anderen Punkten, stimmt aber etwas nicht.  Vorher, also bei der Integration, da waren immerhin noch Linien. Das hatte etwas Klares, Ehrliches- jetzt ist soviel Weißes um mich herum  mit Wattebauschfrieden.

Eine Kollegin von mir sagte letztens: „Ich bin nur noch irgendjemand, der irgendwas irgendwie irgendwo tut!“  Ich weiß jetzt auch wie der Wattebausch heißt. Habe ich auf einer Tagung zur Inklusion gehört. Man nennt das sonderpädagogische Entprofessionalisierung. Berufliche Veränderungsprozesse ohne Teilhabe an Entscheidungen sind mit ihren Belastungen wirklich nicht so einfach zu bewältigen- auch, wenn eine Freundin eine Karte schenkt mit dem Aufdruck

“ Heulst du noch- oder hilfst du schon?“

HeulstHelferberuf Sonderpädagogin. Es fällt etwas schwer immer noch die Expertin für etwas zu sein, was es eigentlich gar nicht mehr so gibt, weil die Inklusion die Linien wegwischt und ich im Irgendwo stehe. Also bin ich jetzt eine NichtmehrExpertin in der NochnichtInklusion?

Ich hatte mir vorgestellt, wenn wir Inklusion haben, dann bedeutet keine Linien mehr zu haben Kindern noch besser Lernen zu ermöglichen und, weil keine Linien mehr zwischen den Punkten sind, mehr Dialoge und gemeinsame Angebote für alle. Und ich dachte, ich wäre auch drin, mit allen Kindern, egal, ob sonderpädagogischer Förderbedarf oder nicht. Weil ja keine Linien mehr da sind zwischen den bunten Punkten. Weil mehrere LehrerInnen im gleichen Raum sind mit allen SchülerInnen. Weil auch die Räume und Materialien bunt sind für die Vielfalt der Menschen.

Ich hoffe dennoch auf das Weiße zwischen den Punkten.  Dass der Wattebauschnebel sich lichtet. Dass wir nicht mehr Sonder-PädagogInnen und Regel-SchullehrerInnen sind, sondern zusammen besonders achtsame PädagogInnen. Hier liegt das Land der Möglichkeiten im Zwischenraum. Noch stolpern wir tastend herum um Altes zu verabschieden und Neues zu begreifen. Doch zwischen Tür und Angel kann ich mit KollegInnen neue Farben mischen. Für Räume reicht´s mitnichten.

Ach, schau her,  hier ist ja auch mein Inklusionsschlüssel.  Kein Wunder, dass ich ihn nicht gleich gefunden habe, er liegt ja zwischen 1,3 und 1,8 h  pro Kind.

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das war der Untertitel des Auftaktseminares zum „Zertifikat Inklusive Schule“.  Sehr inklusiv waren die Teilnehmenden, sehr besonders die teilgebenden Institutionen.

Die Idee kam von Melanie Korn,  Mitarbeiterin am Zentrum für Lehrerbildung der Christian-Albrecht-Universität Kiel. Sie entwirft u.a. extracurriculare Zertifikate für Studierende des Lehramts an Gymnasien. Und das tut sie mit Hingabe, großartigen Ideen und einem unglaublichen Netzwerk.  Mit im Boot für das Zertifikat Inklusion saß von Anfang an auch Martina Heesch, Referentin für Inklusion beim Jugendpfarramt der Nordkirche, einem großen Herz für besondere Menschen und der Idee zu wundervollen Projekten. Auch Britta Hemshorn de Sanchez vom PTI Hamburg, ebenfalls mit Herz für die Inklusion und der Gabe diese anschaulich zu präsentieren.

Ich geb´s zu. Ich fuhr natürlich auch mit.  Und 12 StudentInnen des Lehramts an Gymnasien der CAU. In ihrer Freizeit. Extracurricular. Chapeau!

Gott sei Dank! Denn es war einfach klasse. Diversität zum Anfassen.

Nach Kennlernübungen und Improtheater folgte am Freitag Abend das gemeinsame Schauen des Films BergFidel. In der anschließenden Diskussion war die Bewegung, die dieser Film auslöst spürbar.

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Viele Menschen laufen schnell durch einen Stuhlkreis. Sie versuchen einen Platz zu ergattern.

Am Sonnabend vormittag fanden viele Übungen zum Thema BarriereFreiheit im konkreten wie im übertragenen Sinn statt.

Z.B. beschreibt man blind ein seltsames Maschinenteil, welches man zum Fühlen in die Hand bekommt, ein an meinem Rücken sitzender Parter zeichnet es nach meiner Erklärung. Deutlich wurde, ich brauche eine Sprache, ich brauche Erfahrung und Begriffe, um etwas zu be-greifen, es zu be-schreiben.

Nach einem anschaulichen Vortrag über Inklusion, an dem mich besonders das Experiment mit „Vogelkacke auf Asphalt“ aus dem Buch von Gerald Hüther „Innere Bilder“ beeindruckt hat, kamen auch schon die weiteren Mitspieler  zum Koppelsberg.

Zum Beispiel die Band „Gangway“  von den Kappelner Werkstätten,  Katrin Ziese und Nadine mit zwei Hunden vom „mixed pickles e.V“ aus Lübeck, und drei jugendliche Artisten des inklusiven Circus Claudini der Matthias-Claudius-Schule Grundschule und Förderzentrum aus Kiel.

Alle Projektpartner aus der Praxis hatten  20-30 min Zeit sich zu präsentieren. Nach einer weiteren Stunde Mitmachaktion und Murmelphase fiel die Entscheidung der Studenten, in welchem Praxisfeld sie gern bis zum 12. Juni Inklusion erproben möchten. Es wurde jongliert, gebellt und die Band probte. Lachen, Dialoge, Erstaunen über so viele Gemeinsamkeiten.

Und ein viertes Projekt. Fight für Faith, den 17-jährigen Schüler, der seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist und die gymnasiale Oberstufe nicht mehr in seiner Schule erleben kann.

Für jedes Praxisfeld fand sich eine Gruppe StudentInnen. Freiraum zur kreativen Erprobung inklusive. Auch im Circus.

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Vor einen Schild mit der Aufschrift: Ballspiele sind im Innenhof nicht gestattet, sieht man zwei Menschen Jonglieren.

Ich geb zu. Die Artisten, das sind meine Schüler. Mitten in den Ferien kamen sie mit dem Zug nach Plön, um den Circus vorzustellen- und sie haben es großartig gemacht mit ihrer Präsentation auf dem Hochrad, der Feuerjonglage und der Anleitung zur Jonglage von GymnasiallehramtsstudentInnen. Sehr kompetenzorientiert.   Ich bin stolz auf sie.

Die Nacht  war kurz-dank der genialen Band-  und ich konnte am Sonntag leider  nicht mehr den vielversprechenden Beitrag von Elisabeth Wazinski zu „Einfache Sprache“ hören, doch die Bilanz einer Studentin klingt mir noch im Ohr: „Es war absolut sinnvoll, dieses Wochenende am Anfang hier zu erleben. Raus aus dem Alltag. Ich konnte richtig eintauchen in das Thema und empfinde es als sehr bedeutsam. Ich freu mich total, dass ich das gemacht habe.“

Ich glaube mehr geht nicht. Ich bin begeistert und dankbar. Es hat solche Freude gemacht mit allen besonderen Menschen dieses Wochenende zu erleben.

Also ich freu mich auf morgen. Da kommen 2 Studentinnen zum Circus Claudini. Und die haben Lust auf Inklusion.

Ich auch.

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