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Posts Tagged ‘Soziale Unterstützung’

Eigentlich ist es kein Grund zur Freude, dass mein Blogtext aus dem März 2013 immer noch so aktuell ist.  Im Gegenteil, die Wirklichkeit zeigt, dass er aktueller denn je ist.  Dennoch habe ich mich gefreut, dass die GEW Schleswig-Holstein sich dieses Themas angenommen hat und ihn leicht verändert abdruckte. Ich hoffe, er erreicht viele Herzen und Köpfe, damit Schule ein sicherer Ort werden kann.

Hier eine pdf des Artikels aus Erziehung& Wissenschaft SH 4/15 zum Download.

Traumatisierte Kinder und Schule

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Bild 1

Man sieht den Einband von Rauls Buch. Es ist ein Foto. Raul sitzt in seinen Rollstuhl draußen vor einer Hauswand. Er hat eine Mütze auf und grüßt freundlich. LInks sieht man den Titel des Buches. Ein Aufkleber weist auf ein Vorwort von Roger Willemsen hin. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Ich habe die 253 Seiten der Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raùl Aguayo-Krauthausen in einem Rutsch durchgelesen. Weil ich mich so mitten drin fühlte, hereingezoomt in Raùls Leben. Wobei das, wenn ich ehrlich bin,  nicht die ganze Wahrheit ist. Ich brauchte Pausen. Zum aus dem Fenster gucken in den Regen, während das Kopfkino lief.

Atempausen.Weil die Beschreibungen, die Raùl für seine Lebenssituationen wählt so realistisch formuliert sind. Ich sehe Raùl und seine Mutter, während sie seine Arme und Beine verbindet, weil aufgrund seiner Glasknochenkrankheit wieder mehrere Knochen gebrochen waren.  Ich ziehe den Atem ein, weil meine Spiegelneuronen schreien und puste aus, wegen der pragmatisch-stoischen Haltung, mit der Raùl und seine Eltern damit umgehen. Die Behinderung ist kein Thema. Sie ist eben!  Raùl ist kleinwüchsig. Raùl konnte nie laufen, doch dies hat er nie vermisst. Er wird getragen oder fährt Rollstuhl. Und? Für ihn ist dieses Sein sein Normalsein. Ich glaube, dass habe ich vorher noch nie so klar sehen können.

Pausen zum Kopfschütteln. Weil Raùl schon vor 30 Jahren in Berlin einen integrativen Kindergarten besuchte. Dann folgte eine integrative Grundschule, das Gymnasium, Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.  Im Buch klingt vieles so selbstverständlich, dass ich mich wundere, warum sich heute in Zeiten von Inklusion noch so viele Bildungseinrichtungen schwertun.

Denkpausen. Weil es oft zufällige Begegnungen waren, die Raùl immer neue Impulse gegeben haben, sich mit seinem Mut auseinanderzusetzen.  Menschen, die auf ihn zukamen, gesehen haben, wie er ist, was in ihm steckt.  Das da die Behinderung kein Thema war, weil er als Individuum im Vordergrund stand. Raùl moderiert im Radio, Raùl tritt auf Fernsehgalas auf. Raùl ist witzig, Raùl ist klug, Raùl hat Ideen. Raùl ist wütend. Raùl ist verzweifelt. Raùl ist selbst-kritisch. Raùl ist authentisch. Raùl ist manchmal selbst verwundert über Raùl.  Ich verstehe die Zweifel, die Frage nach dem Wesen, das zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung wohnt.

Sensible Pausen. Ich denke über seine Aushaltekompetenz nach, die ihn in schwierigen Situationen besonnen handeln lässt. Ich danke ihm für diesen intimen Blick, den er mir erlaubt, wenn er über seine Zweifel, Ängste und Schamgefühle schreibt. Als er erkennt, dass es kein großer Wurf ist bei den Bundesjugendspielen ohne Wettbewerber agieren zu müssen. Wenn in der Pubertät deutlich wird, dass Beziehungen sich ändern, weil die Körperlichkeit sich nach vorn drängt. In dieser Zeit entscheidet Raùl, dass Behinderung für ihn kein Thema ist, mit dem er sich auseinandersetzen will.

Emotionale Pausen. Weil Raùl ein Netzwerk hat. In seinen Eltern, seiner Familie, seinen Freunden. Das trägt ihn durch sein Leben.  Und Networking wird für mich nicht zufällig zu seinem Berufsfeld.  Hier schließt sich für mich ein Kreis. Denn dieser Prozess der Annahme seines So-Seins führt dazu, dass Raùl den Umgang mit Behinderung sehr kreativ genial öffentlich zum Thema macht. Ein Sozialheld.

Must Read!

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DabeiSein ist Alles

Inklusion, hmm, miteingeschlossen sein, also nicht mehr ausgeschlossen sein, also DabeiSein. Das konnte man gestern wieder einmal im inklusiven Kinder- und Jugendzirkus  „Circus Claudini“ wahrnehmen.

DabeiSein. Nicht ausgeschlossen Sein. Miteingeschlossen sein.

Inklusiver Zirkus bedeutet immer Herausforderung. Überraschung.

Über sich hinauswachsen.

Dafür war reichlich wieder einmal Gelegenheit. Auf allen Ebenen.

Gestern war Auftrittstag im „Circus Claudini“. Die Weihnachtsaufführung. Vormittags vor der Schulgemeinschaft, nachmittags Eltern, Verwandte und Freunde. Da kommen schon sehr viele Menschen zusammen. Unsere 30 Artisten fieberten diesem Tag entgegen. Die Hauptrollen probten in den letzten Wochen in jeder große Pause zusätzlich.

Das Team war durch biographische Ereignisse erst seit den Herbstferien auf neue Trainerfüße gestellt und diese wurden nach softem Einstieg gleich in die heiße Phase des Auftritts katapultiert. Soweit alles gut, trotz vieler Fragezeichen, die es auszuhalten gab. Die Nummern standen. Die Kostüme waren herausgesucht, beschriftet, Körbe gepackt. Es fehlten noch 2  Seiten To-do-Listen Kleinigkeiten, die den letzten Schliff geben.  Da passierte es.

Eine der beiden Zirkusdirektorinnen wurde sehr plötzlich ins Krankenhaus eingewiesen. Hing am Tropf. War eingeschlossen. Aber ganz woanders.

Was nun? Das Team war brandneu. Die andere Leitungskollegin machte erst seit Sommer mit und hatte eine Zirkusveranstaltung noch nie durchgeführt, doch sie verfügte glücklicherweise über reichlich Erfahrung aus anderen Bereichen kultureller Bildung.

30 Artisten und ihren Familien absagen? Den Weihnachtsauftritt verschieben?

Den auf dem Schulhof hüpfenden Kindern „Ich komm zum Zirkus, ich komm zum Zirkus!“ sagen, dass es ausfällt?

Kommt gar nicht in Frage! The Show must go on!

Danke an die Kollegin für diesen Mut der Entscheidung! Chapeau!

Nun ging alles ganz schnell. Das neue Team wurde spontan unterstützt von alten Trainerhasen, die sich für diesen Notfall freigenommen hatten. Damit die Artisten Sicherheit haben. Damit die gefühlten 1000 Kleinigkeiten der To-do-Listen auch bearbeitet werden konnten.

Absprechen, sich einspielen, auf einander hören, einander vertrauen war jetzt mehr denn je angesagt. Und hepp! Herausforderung! Im Team!

Uuuuund ?

Alles lief wunderbar. Alle waren sehr präsent und glühten. Das Publikum dankte mit tollem Applaus. Es war ein wundervoller Tag. Hepp!

Bild 2

Sechs Artistinnen zeigen als Engel verkleidet eine Akrobatikübung. Drei Engel stehen hinten wie ein Fächer. Der mittlere Engel hält die beiden anderen an den Händen, die sich seitlich fallen lassen. Die vorderen Engel machen alle eine Brücke. Sie sind weiß gekleidet und werden vom Scheinwerferlicht pink angestrahlt. Im Hintergrund sieht man den Weihnachtsmann.

Und Alles Inklusiv: Die kranke Zirkusdirektorin durfte den traditionellen Mutspruch vor dem Auftritt per Telefon zu den Artisten sprechen. Das hat sehr berührt. DabeiSein. Nicht ausgeschlossen sein, weil man krank ist. Nicht rausgefallen sein aus dem System, weil man plötzlich nicht mehr funktioniert. Getragen werden und in Kontakt sein mit der Gemeinschaft.

Das ist es doch, der Pufferfaktor „Soziale Unterstützung“, der gesund erhält und gesund macht, auch wenn man „krank“ bleibt.

Zirkus bietet Gemeinschaft. In der Gruppe und im Team, in der gegenseitigen Wertschätzung kann Zirkus seine Schönheit in der Mitmenschlichkeit entfalten.

Das kommt an. Beim Publikum. Im Herzen.

DabeiSein ist Alles.

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