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Posts Tagged ‘Teilhabe’

Eigentlich ist es kein Grund zur Freude, dass mein Blogtext aus dem März 2013 immer noch so aktuell ist.  Im Gegenteil, die Wirklichkeit zeigt, dass er aktueller denn je ist.  Dennoch habe ich mich gefreut, dass die GEW Schleswig-Holstein sich dieses Themas angenommen hat und ihn leicht verändert abdruckte. Ich hoffe, er erreicht viele Herzen und Köpfe, damit Schule ein sicherer Ort werden kann.

Hier eine pdf des Artikels aus Erziehung& Wissenschaft SH 4/15 zum Download.

Traumatisierte Kinder und Schule

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Meine Zeit als inklusive Zirkusdirektorin ist vorbei, seit Anfang des neuen Schuljahres arbeite ich mit neuem Elan als pädagogische Leitung eines Schullandheimes und möchte dort meinem Leitmotiv alles inklusiv  weiterhin treu bleiben. Die Veränderungen im Schulsystem schwappen auch an die außerschulischen Lernorte und fordern wie gewohnt  heraus. Ich freue mich auf diese Bewegungen. Ich erlebe sehr engagierte Lehrkräfte, die die Vielfalt in ihrer Klasse als positive Normalität erleben. Und ich tappe in Fettnäpfchen im Umgang mit dem Begriff „Inklusion“. Ich sehe in einer Gruppe einen Schulbegleiter für ein Kind mit Autismus und frage den Lehrer: “ Ah, sie haben eine inklusive Klasse?“  Er schaut versonnen über die Gruppe, guckt mich an und sagt ganz zufrieden : „Nee, wir sind ´ne ganz normale Grundschulklasse!“ – Boing! Das saß, liebe Sonderschullehrerin.

Ja, wenn wir alle drin sind in der Inklusion, in der Verschiedenheit, dann ist das normal. Wie schön!  Dann wird der Begriff vielleicht bald überflüssig und wir können wieder auf das Wesentliche schauen. Auf die Unterstützung von Menschen in ihrer Entwicklung. Auf die Idee, dass Menschen wissen, was sie brauchen, dass sie es äußern, wenn man ihnen Raum und Zeit dafür gibt. Eine Klassenfahrt kann da ein Impulsgeber sein.  Hier kann man seine Klasse und die einzelnen Schüler außerhalb von unterrichtlichen Strukturen in Kontakt mit sich,  den anderen und besonderen Themen erleben. Das schafft neue Verknüpfungen. Für Alle.

Wie gut, dass „Inklusion“ die Diskussionen auf der Fachtagung des Verbandes Deutscher Schullandheime  bestimmen wird. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Der „andere Ort für das Lernen“ verändert sich.

Ist doch normal, oder?

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Man sieht den Einband von Rauls Buch. Es ist ein Foto. Raul sitzt in seinen Rollstuhl draußen vor einer Hauswand. Er hat eine Mütze auf und grüßt freundlich. LInks sieht man den Titel des Buches. Ein Aufkleber weist auf ein Vorwort von Roger Willemsen hin. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Ich habe die 253 Seiten der Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raùl Aguayo-Krauthausen in einem Rutsch durchgelesen. Weil ich mich so mitten drin fühlte, hereingezoomt in Raùls Leben. Wobei das, wenn ich ehrlich bin,  nicht die ganze Wahrheit ist. Ich brauchte Pausen. Zum aus dem Fenster gucken in den Regen, während das Kopfkino lief.

Atempausen.Weil die Beschreibungen, die Raùl für seine Lebenssituationen wählt so realistisch formuliert sind. Ich sehe Raùl und seine Mutter, während sie seine Arme und Beine verbindet, weil aufgrund seiner Glasknochenkrankheit wieder mehrere Knochen gebrochen waren.  Ich ziehe den Atem ein, weil meine Spiegelneuronen schreien und puste aus, wegen der pragmatisch-stoischen Haltung, mit der Raùl und seine Eltern damit umgehen. Die Behinderung ist kein Thema. Sie ist eben!  Raùl ist kleinwüchsig. Raùl konnte nie laufen, doch dies hat er nie vermisst. Er wird getragen oder fährt Rollstuhl. Und? Für ihn ist dieses Sein sein Normalsein. Ich glaube, dass habe ich vorher noch nie so klar sehen können.

Pausen zum Kopfschütteln. Weil Raùl schon vor 30 Jahren in Berlin einen integrativen Kindergarten besuchte. Dann folgte eine integrative Grundschule, das Gymnasium, Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.  Im Buch klingt vieles so selbstverständlich, dass ich mich wundere, warum sich heute in Zeiten von Inklusion noch so viele Bildungseinrichtungen schwertun.

Denkpausen. Weil es oft zufällige Begegnungen waren, die Raùl immer neue Impulse gegeben haben, sich mit seinem Mut auseinanderzusetzen.  Menschen, die auf ihn zukamen, gesehen haben, wie er ist, was in ihm steckt.  Das da die Behinderung kein Thema war, weil er als Individuum im Vordergrund stand. Raùl moderiert im Radio, Raùl tritt auf Fernsehgalas auf. Raùl ist witzig, Raùl ist klug, Raùl hat Ideen. Raùl ist wütend. Raùl ist verzweifelt. Raùl ist selbst-kritisch. Raùl ist authentisch. Raùl ist manchmal selbst verwundert über Raùl.  Ich verstehe die Zweifel, die Frage nach dem Wesen, das zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung wohnt.

Sensible Pausen. Ich denke über seine Aushaltekompetenz nach, die ihn in schwierigen Situationen besonnen handeln lässt. Ich danke ihm für diesen intimen Blick, den er mir erlaubt, wenn er über seine Zweifel, Ängste und Schamgefühle schreibt. Als er erkennt, dass es kein großer Wurf ist bei den Bundesjugendspielen ohne Wettbewerber agieren zu müssen. Wenn in der Pubertät deutlich wird, dass Beziehungen sich ändern, weil die Körperlichkeit sich nach vorn drängt. In dieser Zeit entscheidet Raùl, dass Behinderung für ihn kein Thema ist, mit dem er sich auseinandersetzen will.

Emotionale Pausen. Weil Raùl ein Netzwerk hat. In seinen Eltern, seiner Familie, seinen Freunden. Das trägt ihn durch sein Leben.  Und Networking wird für mich nicht zufällig zu seinem Berufsfeld.  Hier schließt sich für mich ein Kreis. Denn dieser Prozess der Annahme seines So-Seins führt dazu, dass Raùl den Umgang mit Behinderung sehr kreativ genial öffentlich zum Thema macht. Ein Sozialheld.

Must Read!

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das war der Untertitel des Auftaktseminares zum „Zertifikat Inklusive Schule“.  Sehr inklusiv waren die Teilnehmenden, sehr besonders die teilgebenden Institutionen.

Die Idee kam von Melanie Korn,  Mitarbeiterin am Zentrum für Lehrerbildung der Christian-Albrecht-Universität Kiel. Sie entwirft u.a. extracurriculare Zertifikate für Studierende des Lehramts an Gymnasien. Und das tut sie mit Hingabe, großartigen Ideen und einem unglaublichen Netzwerk.  Mit im Boot für das Zertifikat Inklusion saß von Anfang an auch Martina Heesch, Referentin für Inklusion beim Jugendpfarramt der Nordkirche, einem großen Herz für besondere Menschen und der Idee zu wundervollen Projekten. Auch Britta Hemshorn de Sanchez vom PTI Hamburg, ebenfalls mit Herz für die Inklusion und der Gabe diese anschaulich zu präsentieren.

Ich geb´s zu. Ich fuhr natürlich auch mit.  Und 12 StudentInnen des Lehramts an Gymnasien der CAU. In ihrer Freizeit. Extracurricular. Chapeau!

Gott sei Dank! Denn es war einfach klasse. Diversität zum Anfassen.

Nach Kennlernübungen und Improtheater folgte am Freitag Abend das gemeinsame Schauen des Films BergFidel. In der anschließenden Diskussion war die Bewegung, die dieser Film auslöst spürbar.

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Viele Menschen laufen schnell durch einen Stuhlkreis. Sie versuchen einen Platz zu ergattern.

Am Sonnabend vormittag fanden viele Übungen zum Thema BarriereFreiheit im konkreten wie im übertragenen Sinn statt.

Z.B. beschreibt man blind ein seltsames Maschinenteil, welches man zum Fühlen in die Hand bekommt, ein an meinem Rücken sitzender Parter zeichnet es nach meiner Erklärung. Deutlich wurde, ich brauche eine Sprache, ich brauche Erfahrung und Begriffe, um etwas zu be-greifen, es zu be-schreiben.

Nach einem anschaulichen Vortrag über Inklusion, an dem mich besonders das Experiment mit „Vogelkacke auf Asphalt“ aus dem Buch von Gerald Hüther „Innere Bilder“ beeindruckt hat, kamen auch schon die weiteren Mitspieler  zum Koppelsberg.

Zum Beispiel die Band „Gangway“  von den Kappelner Werkstätten,  Katrin Ziese und Nadine mit zwei Hunden vom „mixed pickles e.V“ aus Lübeck, und drei jugendliche Artisten des inklusiven Circus Claudini der Matthias-Claudius-Schule Grundschule und Förderzentrum aus Kiel.

Alle Projektpartner aus der Praxis hatten  20-30 min Zeit sich zu präsentieren. Nach einer weiteren Stunde Mitmachaktion und Murmelphase fiel die Entscheidung der Studenten, in welchem Praxisfeld sie gern bis zum 12. Juni Inklusion erproben möchten. Es wurde jongliert, gebellt und die Band probte. Lachen, Dialoge, Erstaunen über so viele Gemeinsamkeiten.

Und ein viertes Projekt. Fight für Faith, den 17-jährigen Schüler, der seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist und die gymnasiale Oberstufe nicht mehr in seiner Schule erleben kann.

Für jedes Praxisfeld fand sich eine Gruppe StudentInnen. Freiraum zur kreativen Erprobung inklusive. Auch im Circus.

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Vor einen Schild mit der Aufschrift: Ballspiele sind im Innenhof nicht gestattet, sieht man zwei Menschen Jonglieren.

Ich geb zu. Die Artisten, das sind meine Schüler. Mitten in den Ferien kamen sie mit dem Zug nach Plön, um den Circus vorzustellen- und sie haben es großartig gemacht mit ihrer Präsentation auf dem Hochrad, der Feuerjonglage und der Anleitung zur Jonglage von GymnasiallehramtsstudentInnen. Sehr kompetenzorientiert.   Ich bin stolz auf sie.

Die Nacht  war kurz-dank der genialen Band-  und ich konnte am Sonntag leider  nicht mehr den vielversprechenden Beitrag von Elisabeth Wazinski zu „Einfache Sprache“ hören, doch die Bilanz einer Studentin klingt mir noch im Ohr: „Es war absolut sinnvoll, dieses Wochenende am Anfang hier zu erleben. Raus aus dem Alltag. Ich konnte richtig eintauchen in das Thema und empfinde es als sehr bedeutsam. Ich freu mich total, dass ich das gemacht habe.“

Ich glaube mehr geht nicht. Ich bin begeistert und dankbar. Es hat solche Freude gemacht mit allen besonderen Menschen dieses Wochenende zu erleben.

Also ich freu mich auf morgen. Da kommen 2 Studentinnen zum Circus Claudini. Und die haben Lust auf Inklusion.

Ich auch.

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Performancegruppe von Wübke Rohfls-Grigull

5 Frauen stehen auf einer Bühne. Große Stellwände zeigen einen Blick aus dem Fenster auf ein Kornfeld. Eine Gardine weht. Eine junge Frau und eine ältere schwenkeln ein Tau. 4 Frauen stehen hinter der älteren Frau. Sie stehen an, als ob sie gleich mit Seilspringen dran wären. Atmosphäre von Kinderspiel und doch Wehmut

Stell dir vor es sind Sommerferien. Der erste Tag. Endlich. Stell dir vor du bist 16. Ein Mädchen. Ein Junge. – Egal. Du bist jung. Everything’s gonna be allright.  Du schwingst dich auf dein Fahrrad oder Mofa und fährst über die Dörfer zur Party. Doch du kommst nie an. In this bright future you can´t forget the past. Das nächste was du mitbekommst ist Schmerz.  Überall. Innen und Außen, du hattest einen Unfall und es ist nicht klar, was noch geht.

Das ist keine Geschichte, das ist ein Leben. Seit letztem Sommer das von Faith (FA-IT ausgesprochen). Er ist mittlerweile 17, kann sich im Bereich des Oberkörpers wieder bewegen. Das hat Kraft gekostet. Unglaublich viel Kraft. Faith will. Er will wieder dabei sein. Er will wieder zur Schule gehen. Die Schule will ihn auch.

Kein Problem im Inklusionsland Schleswig-Holstein?

Said I remember when we used to sit. In the government yard in Trenchtown Oba, ob-serving the hypocrites. As they would mingle with the good people we meet.

Heute konnte man Inklusion hautnah erleben. Die Inklusion, die von In-nen kommt.  Die Inperteninklusion. Die Familie, Freunde, Lehrer und Bekannte haben ein FestFürFaith in seiner Schule auf die Beine gestellt.  Ein Spendenkonto wurde eingerichtet, damit er einen Spezialrollstuhl erhält, der ihm hilft seine EigenStändigkeit zu vergrößern.

Die Schule stellte die Aula,  die Mensa und die Bühne zur Verfügung. Viele Schüler halfen mit.  Ein  tolles Buffet, viele Helfer für Logistik, Technik, …, viele Gäste, eine Tanzperformance, Redebeiträge, ein Chor, eine One.ManShow, eine große Band , … alle Künstler traten ohne Gage auf.   Bilder wurden verkauft. Auch die der Schulleiterin. So viel Engagement.

Die Beiträge berührten sehr.  Ein Lehrer wünschte sich, „… dass Faith wieder normal zur Schule gehen kann.“  Die meisten Gäste konnten über viele Treppen problemlos zum Theatersaal gelangen.  Auch Faith?  Barrierefrei ? Vielleicht haben ihn seine Freunde getragen? Good friends we have had, oh good friends we’ve lost along the way. yeah!

Von einer Sekunde zur anderen steckt man im Leben der Besonderen. Inklusion ist ein Prozess. Für die Familie und Faith ist das knallharter Alltag. Allerdings zur Zeit sehr exklusiv.  Alles muss umgebaut werden. Ist schwer. Geht, irgendwie! Muss ja!  Die Barrieren liegen im Außen, im System. Wo geht´s hier bitte schön wieder rein.   Oh my Little sister, don’t she’d no tears.

Heute Premiere

Zwei junge Männer stehen auf der Bühne. Der linke Mann spielt auf einer Gitarre und singt in ein Mikrophon. Der rechte junge Mann hält ein Mikrophon in der Hand. Im Hintergrund stehen die riesigen Stellwände mit dem Blick aus dem Fenster.
Die beiden singen sehr warm und schön eigene Songs. Und einen Song für Faith: No woman, no cry!
Everything´s gonna be allright….

Zwei Mitschüler sind heute zum ersten Mal in der Formation M.O.K.  mit Gitarre und Gesang aufgetreten. Mit eigenen Texten. Und dann mit einem Coversong. Gewünscht von Faith: No woman, no cry.

Und wenn man dann dort sitzt, zwischen Feuerzeug schwenkenden Freunden und Faith sitzt oben neben der Technik im Rollstuhl und die Zuschauer singen leise mit, und wir alle konnten nicht aufhören in Dauerschleife zu singen Everything´s gonna be allright, dann, dann spürt man irgendwie alles, was geht und was nicht.  Dann will man verflixt noch mal Rampen und Ideen. Das muss doch gehen, dass Faith in seine Schule gehen kann. Nach so viel Kampf um Bewegungs-Freiheit kann es doch nicht an Treppen scheitern! Im Inklusionsland!  Noch ist nicht klar, wo Faith ab Mai beschult wird. Ein Schulumbau ist natürlich teurer als ein Bus in die Förderschule.  Wer bezahlt hier welchen Preis?

Benefizkonzert für Faith

Ein Chor mit vielen Menschen steht auf der Bühne. Alle sind schwarz gekleidet und haben rote Accessoires wie Gürtel, Kravatten oder Schmuck. Es sieht sehr schön aus. Eine Dirigentin steht davor und bringt den Chor mit ihren tanzenden Bewegungen zum Schwingen. Ein Klangkörper füllt den Theaterraum. Die witzigen und klugen Texte bringen zum Lachen und Weinen.

Cause I prayed for strength. And I got pain that made me strong

I prayed for courage. And got fear to overcome

When I prayed for FAITH. My empty heart brought me to my knees

I don’t always get what I want

I get what I need

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Bloggerthementage „Es könnte alles so EinfachSein, ist es aber nicht!“ (Sportfreunde Stiller)

Mit einem trotzigen „Dennoch“ und der Freude über Gleichgesinnte bei Twitter, freue ich mich bei den Blogger-Themen-Tagen dabei zu sein. Die vielen Beiträge zu #EinfachSein zeigen, dass es Zeit wird für Inperten der Inklusion und, dass die Experten der Exklusion das auch merken…

1986 begann ich Lernbehindertenpädagogik zu studieren. Das war nicht nur gefühlt in einem anderen Jahrhundert. Die Sonderpädagogik blühte in allen Sparten auf, es gab für jeden behinderten Menschen eine besondere Schule, weil es ja Menschen gab, die geistig behindert, sprachbehindert, hörbehindert, körperbehindert oder lernbehindert waren. Und es gab Internate für verhaltensgestörte Kinder. Selbst in dem Paradigma eines ausgrenzenden Schulsystems aufgewachsen, war mir nicht bewusst, was es gesellschaftlich langfristig bedeutete Schulformen nach Intelligenzquotienten oder Sinnesorganen zu erfinden.

Heute, nach mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung als „Sonder“-Schul-Lehrerin an unterschiedlichen Sonderschulen, Förderschulen, Förderzentren mit „lernbehinderten“ Kindern, sehe ich manches anders. Das liegt an den unzähligen Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen, von denen ich so viel lernen durfte. Ja, es stimmt, dass es Bedingungen gibt, die das Leben, die Entwicklung von Menschen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft behindern. Aber das macht die Menschen nicht zu Behinderten.

Als Sonderschullehrerin stehe ich in der Verantwortung in ihrer Entwicklung auffällige Kinder umfassend zu testen und gegebenenfalls sonderpädagogischen Förderbedarf feststellen. Ich finde eine genaue Analyse des Entwicklungsstandes grundlegend wichtig, doch ich sehe in vielen Fällen eben nicht die im Kind verortete und gemessene „unterdurchschnittliche Intelligenz“ als Ursache einer Lernbehinderung, sondern gerade die „Behinderung am Lernen“ durch die Umgebung des Kindes als Ursache eines sich nicht entfalten könnenden Entwicklungspotentials.

Ich meine damit die mir in meiner Praxis als Lehrerin ständig begegnende entsetzliche Fratze der Gewalt, die vielen Kindern angetan wird. Am Lernen behinderte Kinder sind häufig Opfer häuslicher Gewalt, doch gerade frühkindliche Traumatisierung durch Gewalt schädigt die Gehirnentwicklung von Kindern.

Ich sehe auch, dass Schule als System paradoxerweise für genau diese Kinder zu einem Ort der Lern-Behinderung wird, wenn sie die Rahmenbedingungen nicht zugunsten sondern entgegen menschlicher Bedürfnisse verändert.

Ein Aha-Erlebnis hatte ich während des Vortrags „Scherben im Kopf“Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen von Pia Heckel, der Leiterin des Institutes für Psychotraumatologie in Hamburg. Sie machte deutlich, dass Emotionen uns stärker prägen als unserem kontrollierenden Bewusstsein lieb ist.

Schon ab der 7. Schwangerschaftswoche ist der Mandelkern (Amygdala) unseres Gehirns soweit ausgebildet, dass Angst und andere Stressgefühle repräsentiert werden. Somit empfindet ein Fötus sowohl Wohlbefinden als auch Stressgefühle der Mutter über die jeweilige Hormonausschüttung mit. Diese emotionalen Basiserfahrungen legen die Spur für die eigene Konstruktion der Wirklichkeit im späteren Leben. Ist eine Schwangere häufig Situationen ausgesetzt, die sie als bedrohlich empfindet, wird Ihr Körper von Stresshormonen durchflutet. Diese gelangen auch in die sich ausdifferenzierenden Zellen ihres wachsenden Kindes. Stress wird somit zum ersten Datenknotenpunkt, von dem alle anderen weiteren Verbindungen ausgehen.

Setzen sich traumatisierende Erlebnisse wie Misshandlungen oder Missbrauch in der frühen Kindheit weiter fort, so muss ein Kind lernen zu überleben – physisch, psychisch und sozial. Ein traumatisierendes Familienumfeld in der Kindheit bietet keine Sicherheit. Für das Kind bedeutet es, ständig in Alarmbereitschaft vor nicht vorhersehbaren Übergriffen zu sein.

Stellen wir uns ein 6-jähriges Mädchen oder Jungen vor, nennen wir sie Milena oder Tim, sie werden fast täglich von ihren Eltern oder Bezugspersonen misshandelt oder zu sexuellen Handlungen gezwungen. Sie haben ständig Angst und leben in Bedrohung. Wie sollen sie das aushalten? Wohin sollen sie fliehen? Gegen wen sollen sie kämpfen? Gegen die Menschen, denen sie doch vertrauen? Sie fühlen Ohnmacht. Durch die chronische Traumatisierung sind ihre Körperzellen mittlerweile so empfindlich auf die Hormone, dass sie bei jeder Gelegenheit und nur ganz leichter Erhöhung schon Hoch-Stress-Level auslösen können. Der Aufbau ihrer neuronalen Netzwerke wird dadurch gehemmt. Eine sichere, liebevolle, lernanregende Umgebung für die gesunde Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit ist ihnen verwehrt. Das ist ein Stein des Anstoßes. Das prägt ihre Zellen, das prägt ihre Seele, das prägt ihr Leben.

Schule als sicherer Ort?

Wenn also das eigene Zuhause Kindern keinen geschützten und Halt gebenden Raum bietet, ist es doch umso notwendiger die Orte, an denen Kinder sich aufhalten (müssen) als sichere Orte der Entfaltung zu gestalten.

Ich wünschte, wir könnten jetzt die geforderte Umsetzung des „Artikels 24 im Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (BRK)“ als Anstoß des Steines nehmen, um Schule als sicheren Lernraum neu zu denken und zu gestalten. Denn traumatisierte Kinder werden durch ihre Lebensumstände in ihrer körperlichen, emotionalen, kognitiven und sozialen Entwicklung behindert und sind damit von Behinderung bedroht.

Wie sollen sie sich konzentrieren auf Fachinhalte, wenn ihre Seele weint. Manche Kinder versuchen verzweifelt unerkannt zu bleiben, andere zeigen sich auffällig durch selbst-aggressives, provozierendes, weinerliches, bockiges, respektloses Verhalten. Hier kommt ganz klar zum Ausdruck, dass das Kind, welches Probleme bereitet, nicht das Problem ist, sondern Probleme hat. Multifaktoriell.

In diesem Zusammenhang fand eine deutsche Studie (Egle u.a., 2005), die sich mit potenziell traumatischen Situationsfaktoren beschäftigt, folgende als signifikant heraus:

niedriger sozioökonomischer Status der Herkunftsfamilie, schlechte Schulbildung der Eltern, Kriminalität oder Dissozialität eines Elternteils, Kontakte mit Einrichtungen der „sozialen Kontrolle“, große Familien und sehr wenig Wohnraum, chronische Disharmonie, unsicheres Bindungsverhalten nach dem 12./18. Lebensmonat, psychische Störungen der Mutter oder des Vaters, alleinerziehende Mutter, autoritäres väterliches Verhalten, Verlust der Mutter, häufig wechselnde frühe Beziehungen, sexueller und/oder aggressiver Missbrauch, schlechte Kontakte zu Gleichaltrigen, ein Altersabstand zum nächsten Geschwister von unter 18 Monaten.

Ein Faktor allein hat nur geringe Wirkung, treten dagegen mehr als 2 Faktoren auf, so vervielfacht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Entwicklungsstörungen auftreten.

abgestempeltHinzukommt in vielen Fällen die wenig support gebende Struktur von Schule. In großen Schulsystemen taktet es schnell durch Raumwechsel, Fächerwechsel und Lehrerwechsel. Doch die Isolierung von Fachinhalten ohne Lebensbedeutsamkeit, der ständige Personenwechsel ohne den Nachhaltigkeitskitt des Beziehungsfaktors lassen das Wissen bei traumatisierten Kindern durch die neuronalen Netze rieseln. Es wiederzufinden und zu verknüpfen fällt ihnen doppelt schwer, beschämende Unterrichtssituationen verstärken den bereits beschriebenen Stressfaktor. Ein Teufelskreis.

Welche Möglichkeiten haben Lehrer und Lehrerinnen in diesem funktionsorientierten Alltag, das unangemessene Verhalten als einen Hilferuf zu dekodieren und den Kindern die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, damit sie besser lernen und leben können?

Diese Fragen muss Schule beantworten können. Ein Ignorieren dieser Aufgabe kommt unterlassener Hilfeleistung gleich. Wir brauchen jetzt den Mut zu ungewöhnlichen Wegen. Diese Kinder brauchen eine andere Lern-Kultur. Sie brauchen Sicherheit, dann sind Lern-Sprünge statt Lern-Behinderungen möglich.

Ich wünsche mir in Schule offenere Lernräume, Rhythmisierung und Möglichkeiten zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit für Schüler und Lehrer im Team. Ich wünsche mir das Achtsam sein, das Hinschauen, das Unterschiede wahrnehmen, das Ermutigen, sich Zeit nehmen nicht nur als professionelle Qualitäten von Schulsozialarbeitern und Beratungslehrerinnen, sondern als pädagogische Professionalität für alle Lehrer und Lehrerinnen.

Es geht darum, traumatisierten Kindern zu helfen, wieder ein sicheres Netz aufzubauen. Innen und Außen- also neuronal und als Ort, an dem man sich wohlfühlt.

Damit kein Kind am Lernen gehindert wird.

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Der Titel ist Programm. Auch, dass der Kongress schon ausgebucht ist, zeigt die Brisanz dieser Gesellschaftsaufgabe.

Die Kurzbeschreibungen der Workshops und Foren regnen Hoffnung auf mein dürres Inklusionsfeld.

Ich bin gespannt auf die Saat, denn das Inklusions-Who-is-Who ist vor Ort.

Es werden Modelle vorgestellt und Best Practise präsentiert, die zeigt, dass gelingende Inklusion  schon stattfindet. Wo man neue Wege gegangen ist, im Herzen und im Kopf,  im Kollegium und im Gebäude.  Die Texte zeugen von sonderpädagogischer Expertise, die mit gefülltem Rucksack im Schulartendschungel unterwegs ist und trotz der oft haarsträubenden Aufgaben noch selbstbewusst sagt: „Ich hätt‘ da eine Idee …!“

2012_Weimar_Kurzbeschreibungen

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